Ich hatte mehrere Partnerschaften. Diese waren toll und liebevoll, und wir konnten gut miteinander reden. Ich wusste, dass ich Grenzen setzen und auch „Nein” zu Sex sagen konnte. Das habe ich auch hin und wieder getan – dann gab es eben keinen Sex. Ich dachte damals, ich hätte nur Sex, den ich auch wollte, da ich schließlich „Ja” gesagt hatte. Trotzdem hatte ich immer weniger Lust auf Sex. Ich fand Gründe, schob es u. a. auf Stress, doch ich wusste, dass das nicht alles war. Also begann ich, tiefer zu reflektieren, warum ich eigentlich „Ja“ sagte. Und ich stieß darauf, dass ich manchmal nur Erwartungen erfüllte. Da waren unter anderem gesellschaftliche: In Liebesfilmen und Büchern hatte ich beispielsweise gelernt, ich sollte oft Sex haben wollen. Und manchmal war auch meine Partnerperson traurig, wenn wir keinen Sex hatten – das wollte ich nicht, und habe dann doch „Ja“ gesagt. Im Laufe der Jahre habe ich mich immer mehr mit sexueller Selbstbestimmung und körperlichen sowie emotionalen Grenzen beschäftigt. So habe ich gelernt, dass die Traurigkeit, die bei meiner Partnerperson durch die Ablehnung von Sex entsteht, nicht in meiner Verantwortung liegt. Ich bin auf ein Modell gestoßen, das mein Verständnis von Consent geprägt hat: Das „Consent Continuum“ von Body Safety Australia. Consent ist kein Entweder-Oder-Ding, mit einvernehmlichem Sex auf der einen Seite oder Vergewaltigung auf der anderen Seite. Echter Konsens ist ein Zustand, in dem beide Personen etwas ganz ohne Beeinflussung von außen tun möchten und auch beide darauf achten, dass dies der Fall ist. Was es aber auch gibt: „Jemand nimmt das Nein hin, hat aber schlechte Laune“, oder: „Jemand möchte, dass du dich rechtfertigst, und setzt dich mit wiederholten Fragen unter Druck“. Viele Situationen, die ich früher als Consent wahrgenommen habe, waren nach dieser Sichtweise eigentlich nur Compliance, also das Erfüllen von Erwartungen. Heute weiß ich: Meine Lust gehört mir. Meine Unlust gehört ebenfalls mir. Und nicht den Bedürfnissen oder Launen einer anderen Person. Meine Selbstbestimmung steht nicht zur Debatte. Sie gehört mir allein. Daher habe ich für mich „Nur JAAA heißt Ja“ eingeführt. Nur ein ganz enthusiastisches „JAAA!“ mit drei A ist wirklich ein Ja. „Ja, ich habe Lust auf Sex mit dir, und ja, ich fühle mich gerade danach, Sex zu haben, und ja, die Umgebungsbedingungen passen auch alle“ (z. B. Ort, Zeit, Temperatur, …). Die Differenzierung zwischen einem „Ja“ und einem „JAAA“ hat mir persönlich geholfen, die Komplexität meiner Situation besser zu beschreiben. Ich kann nun sagen: „Ja, ich habe Lust auf Sex mit dir, UND bin gleichzeitig müde/abgelenkt/emotional …“, und das ist wiederum kein enthusiastisches JAAA, und dann gibt es auch keinen Sex. Mit jedem Mal habe ich ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was ich in der Situation brauche (zum Beispiel die Heizung anmachen, erst mal etwas essen, Quality Time, Sensualität usw.). Ich schaue außerdem, wozu genau ich JAAA sagen kann und möchte – vielleicht mag ich in einem Moment gerade Intimität und Sinnlichkeit, aber gerade keine sexuellen Berührungen. Diese körperliche Verbundenheit, die sich nicht auf Sex beschränkt, schafft für mich viel zwischenmenschliche Nähe. Was hat sich dadurch verändert? Ein „Nein“ (bzw. ein „Ja“, das keine drei As hat) fühlt sich weniger wie eine Ablehnung einer Person an. Es ist vielleicht eher ein „Nein“ zu den Umgebungsbedingungen, und fällt mir deswegen deutlich leichter auszusprechen. Die Frage, ob ich mit dieser Person Sex haben möchte, ist die eine Sache. Gleichzeitig ist es aber ebenfalls wichtig, ob ich in diesem Moment überhaupt Sex haben möchte und kann.