\story{Die Sicherheit der Rolle}

Ich lag auf dem Rücken. Er befand sich über mir. In mir.\\
Wer bin ich? Wie sehe ich aus? Irgendwer will immer irgendwas. Gefallen
wollen. Bitte, bitte hab mich lieb! Das bin ich.\\
Überrascht zog ich die Stirn in Falten.\\
Was WILL ich? Was FÜHLE ich? Für WEN ist das hier? Für ihn? Wohl kaum.\\
Wenn, dann sollte es doch wohl für uns beide sein.

Glücklicherweise wusste ich, dass er anders war als alles, was ich bis
hierher kannte – aufrichtiger, tiefer. Er würde meinen Gehorsam nicht
als Geschenk sehen, sondern als Verrat an unserer Verbindung. Ich
glaubte fast, seinen Zorn schon jetzt zu spüren, eine brennende
Verletzung bei dem Gedanken, dass ich ihm nur eine perfekte Kopie meiner
selbst schenkte.

Mein Blick musste mich verraten haben, oder mein Körper, der die
plötzliche Schwere meiner Gedanken weitertrug.\\
\quote{Wo bist du gerade?}, fragte Liam.\\
\quote{Ich bin hier}, antwortete ich mechanisch.\\
\quote{Nein, Alice. Du bist irgendwo in deinem Kopf, aber nicht bei mir.
  Ich sehne mich nach deiner Nähe. Und dabei geht es nicht darum wie oft
  wir miteinander schlafen, sondern darum, wie echt es sich anfühlt.}\\
Damit hatte ich nicht gerechnet. Er traf einen empfindlichen Punkt. Mein
ganzer Körper versteifte sich und der weiche, verletzliche Teil in mir
zog sich sofort noch ein Stückchen weiter zurück.

\quote{Zu viel Nähe ist gefährlich}, zischte der Drache der Angst in
meinem Kopf.\\
\quote{Nein!}, antwortete ich ihm, und es war das erste Mal, dass ich
ihm wirklich widersprach. \quote{Ich weiß, du willst mich schützen, aber
  in Wahrheit hinderst du mich daran, wirklich zu leben.}\\
Ich traf eine Entscheidung. Ich atmete aus und ließ die Maske fallen.\\
\quote{Ich habe Angst}, flüsterte ich tonlos.\\
\quote{Wovor?} das Erstaunen in Liams Stimme war echt.\\
Ich hielt seinem Blick stand, ließ die Tränen zu, ohne mich wegzudrehen.
Das war meine Wahrheit, und ich schenkte sie ihm. \quote{Vor dem
  Schmerz. Solange ich eine Rolle spiele, solange ich nur das Echo
  deiner Wünsche bin, bin ich sicher. Wenn ich eine Rolle spiele, muss
  ich keine echte Nähe zulassen und nicht echt fühlen. Und dann tut es
  später nicht so weh. Wenn du vielleicht nicht mehr da bist.}\\
Tränen stiegen mir in die Augen.\\
Erschrocken sah er mich an. \quote{Ich wusste nicht …}\\
ER verstummte. Ich bewegte mich nicht, ich wich seinem Blick nicht
aus. Ich war nicht mehr die, die gefallen wollte – ich war die, die es
wagte, echt zu sein. Er hielt inne, als würde er mich zum ersten Mal
wirklich sehen.

Ich hatte aufgehört, die Erwartungen zu spiegeln, und einfach den Raum
geöffnet.

\question{Hast du einen Komplizen in deinem Sexleben, der dich wirklich ermutigt, dich mit all deinen Grenzen zu zeigen?}
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\question{Wo fühlt sich Offenheit für dich gefährlich an?}
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\question{Welche Erfahrungen hast du gemacht, wenn du dir etwas gewünscht hast und dafür eine Ablehnung erfahren hast?}
\Zeilen{15}
