\story{Der Schmerz der eigenen Grenze}

Ich lag unter ihm, spürte seinen harten stetigen Rhythmus. An manchen
Tagen liebte er es so. Manchmal genoss ich diese Härte, manchmal war es
einfach seine Lust, die mich trug. Es tat ja nicht weh. Eigentlich.\\
Doch plötzlich stieg ein Bild in mir auf – ein Fragment aus einer
Vergangenheit, die ich längst hinter mir geglaubt hatte. Es traf mich
mit einer Wucht, die mich augenblicklich klein und hilflos werden ließ.
Die Gegenwart verschwamm, die Verbindung zu ihm riss ab wie ein dünnes
Seil. Ich wollte nur noch weg, wollte, dass es aufhörte.\\
\quote{Du kannst jetzt nicht einfach aufhören}, mahnte der vertraute,
alte Drache der Angst in meinem Kopf. \quote{Er wird es nicht verstehen.
  Er wird dich verlassen.} Mit einem Kopfschütteln versuchte ich den
Gedanken zu vertreiben, nahm all meinen Mut zusammen und stoppte die
Bewegung.

\quote{Was ist los?}, fragte er irritiert.\\
\quote{Ich will nicht mehr.} Meine Stimme war fest, obwohl mein Inneres
zitterte. Es gab keine weitere Erklärung; ich konnte mich jetzt nicht
nackter machen, als ich ohnehin schon war.\\
\quote{Okay}, antwortete er, und der Unterton von Enttäuschung und
Ratlosigkeit war unüberhörbar. Aber das war zweitrangig. Zum ersten Mal
akzeptierte ich die Kälte, die eine Grenze mit sich bringen konnte. Ich
stand für mich ein, ungeachtet der Distanz, die nun zwischen uns
wuchs.\\
Er löste sich schwerfällig von mir. Das Bett federte nach, als er sich
auf die Kante setzte und mir den Rücken zukehrte. Die plötzliche Kälte
der Raumluft auf meiner verschwitzten Haut fühlte sich an wie ein
scharfer Kontrast zu der Hitze von eben.\\
Stille dehnte sich zwischen uns aus, dickflüssig und schwer. Ich hörte
seinen unregelmäßigen Atem und das leise Knacken seiner Fingerknöchel –
ein Zeichen seiner Anspannung. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen,
ein wildes Tier im Käfig, das noch nicht begriffen hatte, dass die
Gefahr vorerst gebannt war.\\
\quote{Habe ich etwas falsch gemacht?}, fragte er schließlich, ohne sich
umzudrehen. Seine Stimme klang belegt, eine Mischung aus Sorge und
unterdrückter Frustration.\\
Ich starrte an die Decke, wo die Schatten der Straßenlaternen ein
bizarres Muster warfen. Der Drache in meinem Kopf triumphierte: Siehst
du? Jetzt fängt es an. Die Rechtfertigung. Die Schuld. Die Distanz.\\
\quote{Nein}, sagte ich leise, aber bestimmt. \quote{Du hast nichts
  falsch gemacht. Es hat nur … nichts mehr mit dir zu tun.}\\
Das war die Wahrheit und gleichzeitig die größte Mauer, die ich zwischen
uns errichten konnte. Ich spürte, wie er den Kopf senkte. Er verstand
nicht. Wie sollte er auch? In seiner Welt war Sex ein Austausch von
Nähe, in meiner war er gerade zu einem Schauplatz alter Geister
geworden.

\question{Was machst du, wenn du beim Sex keine Lust mehr verspürst?}
\Zeilen{15}

\question{Kennst du es, dass dir Kälte entgegen schwappt, wenn du eine Grenze formulierst?}
\Zeilen{15}

\question{Manchmal müssen wir uns in solchen Situationen um uns selbst kümmern, was kannst du für dich tun, wenn deine Grenze mal nicht mit einem liebevollen Danke aufgefasst wird?}
\Zeilen{14}
