\story{Vom Überleben zur Lebendigkeit}
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}
\storyhead{Was ich nicht benennen konnte}

Als ich jung war, wusste ich lange nicht, wie sich ein Orgasmus anfühlen
sollte. Nicht, weil ich keinen Sex hatte, sondern weil mir Wissen fehlte.
Worte. Und vor allem die innere Sicherheit, etwas eindeutig zu
benennen.\\
Mein Körper reagierte manchmal sehr intensiv, manchmal kaum wahrnehmbar.
Wellen der Erregung, Kaskaden von Empfindungen, lange Strecken fast
schon halluzinatorischer Bildwelten, aber kein klares Ende, kein Moment,
auf den ich hätte zeigen können mit ruhiger Gewissheit: Das ist es.

Doch mein damaliger Partner suchte genau diese Gewissheit. Mehrmals
täglich gaben wir uns der Notwendigkeit hin. Ich denke, er war süchtig,
und ich versuchte, meinem Körper eine Antwort abzuringen. Und nach fast
jeder Begegnung kam dieselbe Frage: ob ich nun einen Orgasmus gehabt
hätte.\\
Doch ich konnte nur ehrlich antworten: \quote{Ich weiß es nicht.
Vielleicht. Kann sein.}

Meine Unklarheit verunsicherte ihn. Er hatte große Angst, nicht gut
genug zu sein, es nicht zu bringen. Auch er war infiziert von einem
gesellschaftlichen Druck, der ihn verantwortlich machte für eine
Sexualität, die wie im Film zu funktionieren hat. Es war, als hinge sein
ganzer männlicher Selbstwert von meiner Antwort ab. Als wäre der
Orgasmus der einzig gültige Beweis. Ergebnisorientierte Sexualität, die
funktioniert, wie man es gesehen hat, wie man es gelernt hat, wie es
angeblich sein soll. Zwischen seinem Wunsch nach Eindeutigkeit und
meinem offenen Nicht-Wissen entstand ein stilles Ungleichgewicht – ich
blieb bei mir, doch er fand darin keinen Halt.

\storyhead{Ein kleines Körperteil mit großen Geschichten}
Ein besonderer Aspekt meiner Sexualität wollte schon früh
Aufmerksamkeit: meine sehr empfindsamen Brustwarzen. Ihre Stimulation
fühlte sich intensiv erregend an und ging mit einem erhabenen Gefühl
erotischer Weiblichkeit einher. Hätte ich geahnt, wie sehr mir mein
offener Umgang damit zum Verhängnis werden würde…

Zu Beginn unserer Beziehung sagte ich ihm, dass er sie gerne berühren
dürfe – als Einladung, als Zeichen von Vertrauen. Doch aus diesem
Vertrauen wurde schleichend etwas anderes. Aus der Einladung wurde
Gewohnheit. Auch ich gewöhnte mich daran. Die Berührung wurde
allgegenwärtig: beim Filmschauen, am Computer, in der Küche, sogar unter
Freunden; ständig war eine Hand unter meinem Shirt. Die Stimulation
wurde selbstverständlich, dauerhaft, unausweichlich.\\
Ohne es bewusst wahrzunehmen, wurde das Zentrum meines Lustempfindens
als Beruhigungsspielzeug missbraucht. Ein \quote{jetzt nicht} wurde
nicht mehr gehört. Ein \quote{hör bitte auf} wurde abgetan. Ja, sogar
ein schlechtes Gewissen wurde mir eingeredet, sobald ich es wagte,
darüber bestimmen zu wollen. Missbrauch ist nicht immer laut. Er kann
leise, unscheinbar und ohne bewusste Absicht geschehen.\\
Über Jahre lernte mein Körper, dass seine Grenzen nicht zählten. Zuerst
reagierte er mit Taubheit, dann mit Gegenwehr, mit Zucken, mit einem
Kampf um die Kontrolle über meinen Körper. Die Beziehung zu einem Teil
meines Körpers wurde beschädigt – nicht durch offene Gewalt, sondern
durch den subtilen Übergriff auf ein kleines Körperteil und die ständige
Missachtung meiner Grenzen. Diese Erfahrung steht für sich. Sie ist
Missbrauch. Und sie ist vorbei.

\storyhead{Neuanfang}
Nach dem Ende dieser Beziehung begann etwas Neues. Befreit, wieder jung,
langsam heilend. Meine Sexualität öffnete sich wieder – in Begegnungen,
die von Achtung und Wohlwollen geprägt waren, vom Gesehen- und
Gewolltwerden, von erotischen Abenteuern und heilsamen Unterhaltungen.\\
Ich erlebte, dass Berührung nähren kann, statt zu nehmen. Dass
Intensität nicht gleichbedeutend ist mit Gewalt. Dass selbst fordernde,
raue Berührungen liebevoll sind, solange sie mit Respekt geschehen. Und
auch meine Brustwarzen lernten wieder zu vertrauen und dieselbe Lust zu
empfinden wie vor der unnachgiebigen Misshandlung. Nicht sofort, nicht
selbstverständlich – aber Schritt für Schritt. Ich bin stolz darauf und
sehr froh, meine Heldinnen der Weiblichkeit nach diesem harten Kampf
wieder ins Zentrum meines Lustempfindens integriert zu wissen.

Mit meinem heutigen Mann entdeckte ich noch etwas anderes: Wie nah die
Grenzen zwischen Erotik, Leichtigkeit und Ernst beieinanderliegen.
Früher war erotische Stimmung fragil und durfte nicht von einem Lachen
oder einem ernsten Thema unterbrochen werden. Doch in unserer Beziehung,
die auf Liebe und gegenseitigem Respekt beruht, wurde uns immer klarer,
dass Lust, Humor und Tiefe nebeneinander existieren dürfen, dass es
unsere Sexualität befreit. Nähe zerbricht nicht daran, dass etwas
anderes dazwischenkommt. Sie kann daran wachsen.\\
In diesem Spielfeld beobachtete ich auch, wie nah Öffnung und Scham
beieinanderliegen. Heute bin ich sicher: Offenheit geschieht oft trotz
Scham. Entscheidend ist die Akzeptanz, dass wir beide nicht immer
offen sein können oder auch wollen. Und auch nicht immer alles sofort
erklären können müssen. Dass diese Entwicklung dauern darf.
Paradoxerweise entsteht genau daraus mehr Freiheit: aus dem Wissen, dass
nichts erzwungen werden muss.

\storyhead{Meine Strategie: Fantasie und Lust}
In den sieben Jahren des Missbrauchs habe ich mir einen Schutzraum
gebaut: meine Fantasien. Während mein Körper im Kampf war, ging mein
Geist woandershin. Mich dorthin zu bewegen – allein oder auch während
des physischen Aktes – war kein Verrat, sondern Überleben.\\
Die Trennung zwischen dem, was mit meinem Körper geschah, meinen
Gefühlen von Liebe und dem, was nur in meinem Kopf existierte, hielt
mich zusammen. Sie half mir, nicht zu zerbrechen. Und später half sie
mir zurückzufinden, wieder zu vertrauen, mich an mein früheres
Körpergefühl zu erinnern und meine Empfindungen Schritt für Schritt
wieder zuzulassen.

Heute sind meine Fantasien kein Schutzraum mehr. Sie agieren als
Lustverstärker. Sie gehören mir. Sie erzählen von meinem Körper, meinen
Vorlieben, meiner Neugier – nicht automatisch von meiner Beziehung. Die
Liebe zu einem Menschen, dem ich mich sexuell öffne, ist für mich etwas
anderes als meine eigene Sexualität. Meine Bedürfnisse gehören zunächst
mir. Ich habe gelernt, Fantasie als Werkzeug zu verstehen: als inneren
Raum, den ich betreten kann, um meine Erregung zu vertiefen, mich zu
fokussieren, mich selbst bewusster wahrzunehmen.

Dass ich dabei mit einem Menschen zusammen bin, den ich liebe, bedeutet
nicht, dass ich ihn benutze oder unsere Bindung schwäche. Beziehung und
innere Welt dürfen nebeneinanderstehen.\\
Vielleicht wächst erfüllte Sexualität genau da: in den Zwischenräumen.
Dort, wo Lust und Zweifel gleichzeitig im Raum stehen dürfen. Wo ein
Zögern nicht stört und ein Lachen nichts kaputtmacht. Wo niemand fertig
sein muss und eine Beziehung nicht in Stein gemeißelt ist, sondern
etwas, das sich bewegt – von Moment zu Moment.

\question{Gibt es eine Erfahrung aus deiner Vergangenheit, für die du dir heute selbst Mitgefühl geben willst?}
\Zeilen{15}

\question{Vermeidest du manchmal bestimmte Impulse, Emotionen oder Themen, aus der Befürchtung heraus, die sexuelle Stimmung zu stören?}
\Zeilen{15}

\question{Magst du es, Fantasien manchmal nur für dich alleine zu genießen, auch wenn jemand dabei ist?}
\Zeilen{15}
