\story{Radikale Ehrlichkeit}

Wir standen unter der Dusche. Wir küssten uns unter dem laufenden
Wasser. Dann drehte ich mich um. Wir stellten das Wasser ab. Langsam
drang er in mich ein.\\
Es fühlte sich gut an. Zunächst langsam,
in meinem Tempo, dann langsam schneller. Etwas wärmendes, pulsierendes,
verlangendes stieg in mir hoch. Ich wollte kommen. Mit ihm. In mir.

Meine Hand wanderte von den Fliesen zwischen meine Beine. Ich spürte,
wie feucht ich war, spürte seinen Penis wieder und wieder in mich
eindringen. Sanft berührte ich meine angeschwollene Klitoris.
Vorsichtig. Es war das erste Mal, dass ich mich selbst beim Sex
berührte. Ich fing an sie zu stimulieren und spannte meine Beine immer
mehr an. Mein ganzer Körper spannte sich an. Alles fühlte sich so gut
an. Doch dann spürte ich seine Hand an meiner. Sofort kamen tausend
Gedanken in meinen Kopf und blockierten meine Lust. \quote{Habe ich sein
  Ego verletzt?}, \quote{Wird er mich verstehen?}. Ich schob seine Hand
auf meinen Oberschenkel, legte meine wieder auf die kalten Fliesen und
wenige Augenblicke später kam er in mir.

Angezogen, mit frisch gewaschenen noch feuchten Haaren saßen wir auf dem
Sofa. Er fragte mich, wieso ich mich selbst berührt hatte. Wieso ich ihn
nicht gefragt hatte, dass er mich berührte und warum ich nicht einfach
so kam, wie alle die anderen Male, bei denen ich einfach durch seinen
Penis in mir kam.\\
Ich verstand seine Unsicherheit. Wir waren inzwischen mehrere Monate
zusammen und bereits bei unserem ersten Mal hatte ich meinen Orgasmus
gefakt. War ich stolz drauf? Definitiv nein. Aber was war die
Alternative? Ehrlich sein und sagen \quote{Hey, ich komm nur wenn ich
  auf dem Rücken liege, meine Beine strecken kann und du mich mit dem
  richtigen Druck und der richtigen Geschwindigkeit stimulierst?}.
Undenkbar. Die damit verbundene Scham, nicht so zu kommen, wie eine Frau
in meiner Vorstellung zu kommen hat, lähmte mich.\\
Hatte ich Angst ihm nicht genug zu sein ohne einen Orgasmus?
Wahrscheinlich.\\
Daher blieb mir nur der Angriff nach vorne: Fake it till you make it!
Das spannende daran war, dass es mich auch anmachte, wie ich stöhnte und
vermeintlich einen Orgasmus hatte, ganz zufällig wenn er gerade kam.
Wieso machte mich das an …?

So saßen wir nun, face-to-face auf dem Ledersofa meiner Eltern und mir
wurde klar, wenn mir unsere Beziehung wirklich etwas bedeutete, musste
ich ihm die Wahrheit sagen. Und so beichtete ich, dass ich ihm all die
Monate die \quote{Penetrations-Orgasmen} vorgetäuscht hatte. Weil ich
durch reine Penetration nicht kam. Und auch mit Stimulation der
Klitoris gab es einfach keine Orgasmus-Garantie.\\
Er war am Boden zerstört.\\
Und ich konnte ihn sogar verstehen. Als
Mensch, dem Ehrlichkeit unglaublich wichtig ist, war ich auch von mir
selbst enttäuscht. Heute weiß ich, dass dies Teil unsere Sozialisierung
war. Ein System, in dem gewisse Bilder unsere Sexualität beherrschen.
Besonders wenn wir noch dabei sind unser eigenes Ausleben von Sexualität
zu finden. Inzwischen weiß ich, dass ich eine von soooo vielen Frauen
bin, die einen Orgasmus gefakt haben. Die Gründe sind vielfältig. Bei
mir war es auf jeden Fall der People-, eehm warte, ich meine der
Man-Pleaser in mir, der mich dazu verleitet hat, dies zu tun. Dieses
Wissen nahm mir die Scham und das schlechte Gewissen und half mir mich
eher als Teil eines Systems zu sehen.

Von da an siegte die Ehrlichkeit. Wir lernten uns teilweise neu kennen.
Es war alles nicht mehr so blumig, rosa-rot und naiv wie zu Beginn
unserer Beziehung, dafür konnte sie eine neue Tiefe und Verbundenheit
entwickeln. Ich versprach mir, nie wieder einen Orgasmus zu faken. Nicht
für mein Gegenüber, aber besonders nicht für mich.

In meiner nächsten Beziehung wollte ich diese Erfahrung der Ehrlichkeit
von Beginn an mitnehmen. Von Anfang an sprachen wir viel über Sex,
lachten über Eigenarten und achteten ganz bewusst auf den
Gender-Orgasm-Gap. Vielleicht half es mir auch, dass es für ihn sein
erstes Mal war. Vielleicht fühlte ich mich dadurch nicht so verglichen
und hatte weniger Angst, nicht zu genügen. Vielleicht war ich zu dem
Zeitpunkt auch einfach selbstsicherer als fünf Jahre zuvor.

Waren die Orgasmen immer ausgewogen? Definitiv nein. Fühlten wir uns
immer verbunden? Auch nein. Es erforderte Mut immer wieder ehrlich zu
sein. Manchmal entstand sogar eine Kluft und es erschien mir so viel
einfacher einen Orgasmus vorzutäuschen als ihn weiter meine Klitoris
stimulieren zu lassen. Aber ich hielt mein Versprechen und wir sprachen
offen darüber, wenn es nicht klappte. Wir sprachen darüber, dass wir
masturbierten oder wenn ich einfach mit Penetration-Sex ohne Orgasmus
glücklich war.

Diese radikale Ehrlichkeit hilft mir bis heute, denn ich
merke, wie der Anspruch an \quote{Orgasm-Equality} mich unter Druck
gesetzt und damit genau das Gegenteil bewirkt hat.\\
Bis heute bleibe ich meinem Versprechen treu und stehe zu mir. Zu meiner
Verletzlichkeit, meinen sexuellen Vorlieben, meinen Eigenarten wie ich
komme, und besonders dazu, wenn ich nicht komme. Ich bin genug, auch
wenn ich nicht komme und genau das ist eine Befreiung. Dafür braucht es
den Mut zur Ehrlichkeit, den ich jeder und jedem wünsche. Denn mehr
Ehrlichkeit würde uns allen, individuell und gesellschaftlich, guttun.

\question{Wann spürst du einen inneren Druck, einen Orgasmus bekommen zu müssen?}
\Zeilen{15}

\question{Kennst du auch diese schleichende Unehrlichkeit, du hast den Moment verpasst etwas zu sagen und es wird immer schwieriger?}
\Zeilen{15}

\question{Wie ist deine Einstellung dazu, dir beim partnerschaftlichen Sex selbst die Klitoris zu stimulieren?}
\Zeilen{15}
