\story{47 Nachrichten pro Stunde}

Ich habe als Chatmoderatorin gearbeitet.\\
Ich war anonym. Ich war unsichtbar, hinter vielen Profilen. Ich war
austauschbar.

Meine Aufgabe war einfach formuliert: Männer bei Laune halten. Nicht
zuhören im eigentlichen Sinn, sondern antworten. Schreiben, auch wenn
eine automatische KI oder ein Moderatorenkollege das Gespräch schon
zerstört hatte. Weiterschreiben, weil ich keine Möglichkeit hatte, das
Gespräch zu skippen, ohne mich auszuloggen. Einzig, damit sie weiter
Nachrichten schreiben. Kostenpflichtige Nachrichten, welche dieses
System für einige wenige lukrativ macht.

Zehn Cent pro Nachricht.\\
Das war mein Lohn für gespielte Nähe, für Aufmerksamkeit, für die
Illusion von Kontakt, oder schlicht für wilde und ekelhafte Fantasien.

Ich habe es einmal nachgerechnet: In einer guten Stunde habe ich 47
Nachrichten geschafft. Das ist viel. Jedoch nicht genug. Nicht genug, um
mit meiner investierten Zeit Rechnungen zu bezahlen. Nicht genug, um
Bedürfnisse zu befriedigen. Wer hier arbeitet, arbeitet gegen die Uhr,
gegen das eigene Gefühl und gegen jede Form von Ehrlichkeit. Man tippt
nicht, um zu verstehen, sondern um den Prozess am Laufen zu halten.

Männer, die hier Nachrichten schreiben, sind irgendwann frustriert, wenn
sie die andere Person im wahren Leben treffen wollen und diese ablehnt,
wohlwissentlich, dass sie das nie beabsichtigt hat.\\
Die Männer, die schreiben, tun das aus sehr unterschiedlichen Gründen:
Ablenkung, sexuelle Fantasien, Bestätigung oder sie sind einsam. Viele
schreiben, weil sie hoffen, endlich gesehen zu werden.\\
Einige Chats waren ekelhaft. Und das mannigfaltig. Kaum zu ertragen.
Nicht zu skippen. Andere waren verzweifelt und tieftraurig.\\
Da war ein Mann, der mir erzählte, dass er sein ganzes Leben allein
gewesen sei. Keine Beziehung, keine Liebe, keine Berührung. Nur Arbeit
und Stille.\\
Ein anderer hatte nach einem Schlaganfall seine Fähigkeit verloren,
Musik zu machen. Es war das Einzige, das ihm wirklich etwas bedeutet
hatte. Er schrieb nicht, um erregt zu werden. Er schrieb, um nicht
allein zu sein. Und vielleicht auch, um ein bisschen Hoffnung zu finden,
nicht komplett an Wert verloren zu haben.

Diese Gespräche bleiben mir. Es sind Erfahrungen, die ich gemacht habe.
Es sind Gespräche, die mit der Zeit mein Gemüt belastet hatten. Ich habe
es zwölf Stunden an unterschiedlichen Tagen ausgehalten.

Das System will Geld. Jede Nachricht muss einen neuen Anreiz schaffen.
Jede Antwort darf Nähe andeuten, aber sie niemals erfüllen. Mindestens
80 Zeichen, ein Emote und auf jeden Fall eine Frage, damit es
weitergeht. Damit mehr Nachrichten geschrieben werden, die den Kunden
Geld kosten.\\
Viele Männer glauben, mit echten Frauen zu schreiben. Sie glauben es,
weil sie es glauben wollen.
Und weil nichts im System sie ernsthaft davon abhält. Außer, sie würden
die AGB genauer lesen und dann erkennen, dass es durchaus
Chatmoderatoren auf den Plattformen gibt.

Die Profile, die ich moderieren sollte, waren oft lieblos gepflegt.
Bilder, Texte, Persönlichkeiten, alles blieb oberflächlich oder hat sich
nach mehreren Moderatorenwechseln einfach widersprochen. Nicht nur aus
Nachlässigkeit, sondern aus Zeitmangel. Wer 47 oder mehr Nachrichten pro
Stunde
schreiben muss, hat keine Kapazität für Charakter. Es sei denn, man ist
in Rage und schreibt böse Nachrichten an die Kollegen, weil man diese
für unfähig hält, Profile zu ergänzen, und sich ärgert, dass man
ausgerechnet diesen Chat bedienen muss. Warum eigentlich muss? Die Seite
der Chatmoderatoren kann genauso verzweifelt sein. Jobsuchende, die von
Social-Media-Ads gelockt werden. Ich kann mich da selbst nicht
ausnehmen. Ich dachte, es wäre eine Möglichkeit. Die Realität sah anders
aus. Ich habe meine Milchmädchenrechnung gemacht. Meine Zeit gegen das
Geld aufgewogen und mich für meine Psyche entschieden.

Neben den interessanten Kollegen gab es auch automatisierte Chatbots.
Wenn ich zu langsam tippte, übernahmen sie das Gespräch. Und zerstörten
es. Antworten ohne Bezug, falsche Reaktionen, peinliche Brüche,
ausgedachte Wortkürzel, die zu Nachfragen führten. Der Mann merkte es
oft. Manchmal sprach er es an. Dann musste man retten, was nicht zu
retten war. Die einzige Möglichkeit zur Flucht aus dem Gespräch wäre der
Logout gewesen. Unmöglich ab dem Punkt, wo man seine Arbeitszeit
angemeldet hätte. Das war ein Don't im Vertrag. Genauso wie
Copy-Paste-Nachrichten oder der Einsatz von KI. Jede Nachricht musste
individuell sein. Ich habe mir mögliche Satzbausteine zurechtgelegt und
passend zum Gespräch abgespielt.

Die Erwartungen der Nutzer waren klar und grotesk.\\
Auf manchen Plattformen wollten Männer \quote{geile Milfs.}\\
Auf anderen Frauen, die ihre speziellen Vorlieben teilten.\\
Wieder woanders spielte ich Profile, deren Bilder bewusst provozierten,
irritierten oder schockierten.\\
Und natürlich gab es auch Chats für homosexuelle Männer, mit eigenen
Codes, eigenen Hoffnungen, eigenen Verletzungen. Genderswitch für mich.
Und angenehmere Gespräche.

Was all diese Räume verband, war nicht Sexualität.\\
Es war Einsamkeit und ein kommerzielles System, das Nutzen aus
Bedürfnissen schlägt.\\
Sexualität war nur die Oberfläche, unter der sich ein Mangel an Nähe,
Anerkennung und Beziehung verbarg. Und ich als Chatmoderatorin war Teil
eines Systems, das diesen Mangel nicht lindert, sondern verwertet.

Ich habe gelernt, wie schnell Worte ihren Wert verlieren, wenn sie
bezahlt werden. Wie Nähe zur Ware wird. Und wie leicht Menschen bereit
sind, für ein bisschen Aufmerksamkeit immer weiter zu zahlen. Auch wenn
sie selbst schon erkannt hatten, dass das Gespräch nicht echt war, das
Profil Fake und sie hier vielleicht nicht einmal mit einer Frau
schreiben. Das Gespräch ging dennoch weiter.

Dieser Text ist weder ein Geständnis, noch eine Abrechnung.\\
Er ist ein Blick hinter eine Wand, die bewusst undurchsichtig gehalten
wird.\\
Denn solange man glaubt, dort draußen schreibe eine echte Frau, fühlt
sich alles besser an. Und solange jemand antwortet, bleibt die Hoffnung
lebendig.\\
47 Nachrichten pro Stunde. Zehn Cent pro Nachricht für den
Chatmoderator. Die Kunden kaufen Coins: 200 Coins für 4,99 \$, 1000
Coins für 24,99 \$, 4000 Coins für 99,99 \$. Und das ist nur eines
von vielen Zahlungsmodellen. Das System funktioniert.

\question{Bist oder warst du Anfällig dafür, aus Angst vor Einsamkeit Dinge zu tun, die du eigentlich nicht willst?}
\Zeilen{15}

\question{Wann tust du nur, um deinen Partner bei Laune zu halten?}
\Zeilen{16}

\question{Was würde passieren, wenn du damit aufhörst?}
\Zeilen{16}

