\story{Das Geschenk des Liebens}

Lange Zeit war Liebe für mich nicht zugänglich; mein Körper blockierte.
Als Teenager hatte ich nach schmerzhaften Erlebnissen beschlossen, nie
einen Freund zu haben. Erst während meines Studiums lernte ich, mich
selbst anzunehmen – vom kleinen Zeh bis in die Haarspitzen. Mantraartig
sagte ich mir immer wieder: \quote{Ich hab dich lieb.} Jeder Körperteil
fand dabei Beachtung.\\
So änderte sich nach und nach die Beziehung zu mir
selbst und zu den Menschen um mich herum.\\
Im Biologiestudium lernten wir
viel über die Fortpflanzung von Pflanzen und Tieren. Irgendwann wurde
ich neugierig auf den \quote{Sexualreflex}, der im Grundlagenbuch der
Biologie auf mehreren Seiten beschrieben war. Das Internet hielt Einzug
in die Wohnungen und gleichzeitig belegten neue Forschungen, dass der
weibliche Schwellkörper genauso groß ist wie der männliche. Ich lernte,
phantasierte und probierte aus. In meinem Kopf erlebte ich Berührungen
meist als angenehm. Und der erste Orgasmus kam überraschend. Eine
theoretisch-wissenschaftliche Beschreibung ist eben etwas anderes als
das Erleben.

Zu wissen, was mir gefällt, war eine gute Grundlage, um mit anderen in
Beziehungen zu gehen. Ich war mir meiner selbst bewusst geworden. Und
ich bin überzeugt, dass gesunde Sexualität dieses Wissen um sich selbst,
die eigenen Grenzen und Phantasien voraussetzt.

Mit Mitte 20 wurde ich mutiger. Ich wollte einen Mann in meinem Leben
– nicht für Kinder oder eine Hochzeit, sondern aus Neugier und dem
Wunsch nach Vertrauen. Ich konnte mir nun Nähe vorstellen: Kuscheln,
Filmabende, all das. Nach ein paar seltsamen Erfahrungen kam Tino in
mein Leben. Er hatte, genau wie ich, noch keinen Sex gehabt. Er war
sehr geduldig und ließ mir alle Zeit, bis ich sagen konnte: \quote{Ja,
komm zu mir in meine warme, weiche Höhle.} Davor probierten wir alles
Mögliche aus und zeigten uns, was uns bei der Selbstbefriedigung
gefiel, und waren sehr verliebt. Seine sanften Küsse werde ich nie
vergessen.

Tino war ein Geschenk, denn er ließ mir Zeit, um mich zu spüren. Wir
hatten eine sehr direkte Art, über unsere Phantasien und Gefühle zu
sprechen. Natürlich setzten wir auch alles Mögliche gemeinsam um.\\
Alles
war wundervoll – bis ich mit Mitte 30 vielleicht doch Kinder wollte.
Ohne Verhütungsmittel überreizte Tino schnell; wir verloren den Kontakt
zueinander. Seine Überreizung führte zu schnellen Ejakulationen, nach
denen er sich schlecht fühlte oder wie versteinert dalag. Ich verstand
nicht, warum ihm Berührungen plötzlich zu viel waren. Besonders
schmerzte mich seine Aussage, er könne mir nicht geben, was ich für
sexuelle Ekstase brauche. Das war mir ein Rätsel, hatten wir doch Jahre
voller schöner Begegnungen geteilt.\\
Irgendwann – er hatte mir
schmerzhaft unangenehm an den Brüsten gesaugt – sagte er im Streit:
\quote{Such dir doch jemand anderen, der dir die Brüste küsst.}\\
Das war
ein Schock für mich. Wie konnte er mich so von sich stoßen? Wir hatten
uns doch lieb.\\
Sein Selbstbewusstsein schwand und er zog sich in
Experimente mit Sexspielzeugen zurück. Einmal nutzten wir ein solches
Spielzeug gemeinsam; so, wie er dabei abging, hatte ich ihn noch nie
erlebt.\\
Ich fragte mich: Wie kann man im Kontakt mit dem Gegenüber so
unsicher sein, wenn es doch schon so oft gut gegangen war? Zwei Jahre
später lieferte Tinos Autismusdiagnose die Antworten. Sein
nicht-intuitives Erfassen von Körpersprache und sein Versuch, zu
\quote{maskieren} und zu machen, was passend sein könnte, waren anfangs
ein Geschenk für mich gewesen. Es hatte mir Zeit gegeben, und wir hatten
gelernt, darüber zu sprechen, was passiert. Doch er konnte seinen Kopf
nie ausschalten; er analysierte jede Begegnung. Abweichungen vom
\quote{Ablaufprotokoll} stressten ihn. Ich fühlte mich einsam und
verstand die Welt nicht mehr. So wollte ich auf keinen Fall Kinder.

Dann kam Tom in mein Leben. Stürmisch, wild und voller Lebensenergie
überrollte uns die Liebe. Ich hatte Bauchkribbeln, Schmetterlinge und
alles, was ich von Tino schon kannte.\\
Tom hatte, wie ich, eine lange
Dürrezeit in Sachen Liebe erlebt. Er sehnte sich nach Nähe und wollte
endlich wieder die Haut von jemandem spüren. Er war fasziniert von
unserer Intensität und genoss immer wieder sehr zu spüren, wie seine
sanften Berührungen mir Gänsehaut über den ganzen Körper kriechen
ließen. Anfangs war er voller Drang – für mich eine ganz neue Rolle.\\
Ich
war es gewohnt, dass mein Gegenüber nicht wusste, was zu tun sei, was
oft zu Pausen führte. Plötzlich war ich diejenige, die von Emotionen
überrollt wurde und bremsen musste. Ich bat Tom, jeden Näherungsschritt
bewusst wahrzunehmen und um Erlaubnis zu fragen. Es sollte sein wie beim
Teekochen: Bei jedem Schritt der Zubereitung kann die andere Person noch
sagen, dass sie doch keinen Tee mehr möchte.\\
Tom war überrascht, denn
dieses bewusste Benennen brachte ihn noch tiefer ins Fühlen. Wie ein
Stück Schokolade, das man lange im Mund zergehen lässt.\\
Begegnungen mit
Tom hallten stundenlang in mir nach. Ein besonderer Moment war, als wir
uns gegenseitig die Hände auf Geschlecht und Herz legten. Unser
energetischer Raum schien zusammenzuwachsen und unendlich groß zu
werden. Tom entdeckte die Langsamkeit und wir stimmten unseren Rhythmus
immer weiter aufeinander ab. Wir konnten uns fallen lassen und
miteinander in Ruhe sein.\\
Das setzte für mich unglaubliche Kraft frei.
Kraft, die mich durch meinen Alltag trug, und die sich heilsam auf uns
beide und auch auf die anderen geliebten Menschen in unserer Umgebung
übertrug.

Jede Beziehung zu einem Menschen, jeder Kontakt, ist ein einzigartiger
Tanz. Weil ich nun kannte, was Tom in mir freisetzte, konnte ich Tino
anders annehmen.\\
Irgendwann sagte er, dass er sich bewusst entspannt
hätte und dann das Denken gehen lassen konnte. Ich hätte das doch
bestimmt bemerkt, meinte er.\\
So ganz klar war mir das nicht. Aber ich
war entspannt bei ihm, und dann hatten wir nach über sechs Jahren zähem
Kontakt \quote{plötzlich} wieder diesen schönen Kontakt wie am Anfang.
Meine Ansprüche waren anders geworden. Ich achtete viel mehr darauf, ab
wann ich ihn in seiner Feinheit fühlte und wie ich mich in seinen
Rhythmus fallen lassen kann. Er küsste, auch nach über 15 Jahren, so
schön sanft.

Auch Tom profitierte von meiner Erfahrung mit Tino. Wenn Körpersprache
eine Fremdsprache ist, dann ist das Sprechen über Wahrnehmungen die
wichtigste Brücke. Tom lernte, über Gefühle zu sprechen, und entdeckte
dabei überraschende Zusammenhänge. Einmal sagte er erstaunt: \quote{Ich
  wusste gar nicht, dass du auf dem Weg zum Orgasmus auch Pausen
  brauchst.}\\
Meine Antwort: \quote{Warum, denkst du, heißt das Vögeln?
  Vogelgesang ist auch nur deshalb schön, weil die Vögel beim Singen
  immer wieder innehalten.}

Wir holen gemeinsam Atem und fühlen uns. Das ist schön – mit Tom und mit
Tino. Tom ist ein Macher, Tino ein Denker. Beide habe ich geliebt, von
beiden wurde ich geliebt. Es ist gut, dass wir gemeinsam auf diesem
Lebensweg sind.

\question{Nimmst du dir beim Sex genug Zeit, dich zu fühlen?}
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\question{Bewusst Dinge Bennen und nachfragen hat manchmal den Ruf beim Sex den Flow zu stören, hier wird es mit Schokolade und Genuss verglichen. Wie ist dein Verhältnis dazu?}
\Zeilen{15}

\question{Was hast du von und mit deinen Lieben über Sexualität gelernt?}
\Zeilen{15}
