\story{Dark Romance}
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Es läuft immer gleich ab: Wir ziehen uns aus, ich lutsche deinen
Schwanz, du ziehst mir an den Haaren. Kurz bevor du kommst, setze ich
mich auf dich und halte den Schmerz aus.\\
Es geht um dich. Vorspiel hältst du für überschätzt. Du hast nie Zeit.
Du nimmst sie dir für mich. Doch es geht nur um dich.\\
Du bist wichtig. Du hast die Welt gebaut, in der ich wohne. Also habe
ich mich an den Schmerz gewöhnt.\\
So fing das Leben an, mit
diesem Satz: Halte die Schmerzen aus, denn das Leben besteht aus vielen
unangenehmen Situationen. Doch dann wirst du belohnt. So funktioniert
das Leben. Also, passe ich mich an. Schließlich bin ich ein Mensch und
will das alles. Die Schmerzen und das Leben, denn das Leben ist Schmerz.
Am Ende des Tunnels wartet die Liebe.\\
Ein Mann, der dich begehrt.

Ja, es funktioniert. Ich bin für mich selbst verantwortlich, auch für
meine Orgasmen. Ich bin Feministin, {\it I can buy myself flowers}.

Du bist immer noch bei mir. Wir werden heiraten. Ich bin versorgt. Bis
du mich nicht mehr begehrenswert findest. Dann schmeißt du mich raus.
Also arbeite ich hart für die Liebe und perfektioniere meine Blowjobs.
Wir sind Maschinen, die durch mechanische Handbewegungen zum Quietschen
gebracht werden. Liebe. Dafür das alles?

Männer geben mir Befehle. Verweigere ich die Befehle, verschwinden sie,
und ich bleibe allein zurück mit meinen Blumen. Ich will Verbindung, du,
die Maschine. Quietsch.\\
Männer sind gleichbedeutend mit Schmerz. Ich lernte das sehr früh. Du
warst die Ausnahme und all meine männlichen, guten Freunde, bis auch sie
plötzlich, aus dem Nichts heraus, anfingen, mit Gewalt, in Form von
Worten. Worte wie Schläge. Wir lächelten das weg, wir Frauen, weil diese
Männer gut sind, auch wenn sie es nicht sind. Wir mussten daran
glauben.\\
Wir mussten die Gewalt irgendwie okay machen, um klarzukommen. Wir
tanzten zu den Gewaltkaskaden unserer Lieblings-Hiphopper. Wir nannten
uns selbst {\it Bitches}, denn so, wie wir uns selbst fickten, konnte
uns kein Mann ficken. Wir wurden furchterregende Bitches, tanzende Opfer
von Gewalt, dissoziiert von unseren eigenen Körpern, {\it hit me, baby,
  one more time}. Bitte.

Dinge wurden mit mir gemacht. Ich wurde nicht gefragt, weil Kinder
Gegenstände sind, die muss man nicht fragen, nur benutzen. Ich musste
Freiwilligkeit lernen. Dieses Konzept wurde mir nie erklärt.

\quote{Ich finde Vorspiel überschätzt, wenn das okay für dich ist.}\\
War das eine Frage, auf die ich mit Nein antworten kann? Ich probiere
es aus. \quote{Nein}, sage ich.\\
Du starrst mich komisch an. \quote{Okay}, sagst du dann, \quote{ich hab
  noch einen Termin.}\\
\quote{Bist du sauer?}\\
\quote{Nein, gar nicht, ich hab wirklich einen Termin. Alles gut.}\\
Ich höre nie wieder was von dir.\\
Das ist also Konsens? Okay, alles gut. Keine große Sache, no hard
feelings, Lächeln ohne Augenbeteiligung.

Wenn ich Nein sage, spüre ich Ärger und Traurigkeit. Doch vor allem
spüre ich Distanz, die Verbindung endet. Also sage ich Ja, denn Ja oder
Nein sind nicht so einfach zu definieren. Ich werde immer Ja zu
Verbindung sagen und immer Nein zum Schmerz.\\
Doch das geht nicht, wird mir gesagt. Liebe und Schmerz gehören
zusammen.\\
Ich kann niemandem etwas vorwerfen. Ich hätte ja Nein sagen können.
Gehen. Sie haben gefragt.\\
Für mich fühlt es sich so an, als hätten mich zahllose, fremde
Menschen vergewaltigt. Das darf ich nicht sagen, weil Konsens.
Nonsens!

Sex und Schmerz gehören zusammen, lernte ich durch Peitschenhiebe und
das Gefühl des Würgens, vom Gürtel um meinen Hals und vom heißen
Kerzenwachs auf meiner Haut. Da ich noch ein Gegenstand war, konnte ich
meinen Konsens nicht geben.

Später lernte ich, dass ein Ja zur eigenen Retraumatisierung Konsens
ist. Nonsens!\\
Wenn das Gefühl von Lust ein Ja ist, dann habe ich als Gegenstand schon
zugestimmt.\\
Also, alles gut.

Nein ist Einsamkeit. Oder nicht?\\
Nein ist Ablehnung.\\
Ja, ist Unterwerfung. So funktioniert die Welt.

Eine Welt aus Stahl: hart, glänzend, kalt. Ich habe nie daran
geglaubt.\\
Mein Zuhause ist eine dunkle, warme Höhle. Dort können wir spielen,
ausprobieren, erforschen, fühlen.\\
Ich wusste nicht, dass der Weg frei ist. Doch eines Tages entdeckte ich
eine Lücke im System. Tränen: die Verletzlichkeit in einem perfekten
System.\\
Der überwältigende Wunsch nach Nähe. Die Wärme eines Körpers. Die
Unendlichkeit von Augenblicken und das Halten einer Hand.\\
Ich traue mich langsam, immer weiter vor, in noch unerforschtes Gebiet.
Ich vertraue Menschen, weil ich mir selbst vertraue. Ich halte mich,
wenn andere gehen.\\
Ich bin hier, in meiner Höhle, und du darfst hereinkommen.\\
Niemand verurteilt dich hier. Wir tanzen, wir lachen, wir singen, wir
schreien.\\
Körperliche Nähe ist keine Belohnung für Unterordnung. Sie ist einfach
da, genauso natürlich wie das Atmen.\\
Die Höhle war mein Urlaub von der normalen Welt. Irgendwann bin ich
einfach geblieben. Die Grenze, die so fest schien, war nur eine
Illusion. Ich kann sie nicht berühren.\\
Körper kann ich berühren. Sie sind echt, ich bin echt. Ich kann
schonungslos fühlen.

Meine Entscheidung zählt, und ich entscheide mich immer wieder für
dich.\\
Ich spürte, wie sich mein eigener Wille als überwältigendes Ja in
multiplen Orgasmen manifestierte, ausgelöst durch Menschen, die mich
liebten. Keine Fragen nötig.\\
Blicke, die festhalten, durchdringen und schützen.\\
Gemeinsam kommen und gehen.\\
Nicht für immer und ewig, doch ein Ort und ein Zustand, der mein Zuhause
ist.

Liebe und Schmerz sind unterschiedliche Orte. Ich kann mein Zuhause
selbst wählen.\\
Am Ende wartet die Sicherheit in mir selbst.\\
Menschen, die sich in dieser Sicherheit wohlfühlen.

Happy End.

\question{Wo bist du schon der Bestrafung durch Liebesentzug begegnet, wenn du deine Grenzen formulierst?}
\Zeilen{15}

\question{Welche Neins fallen dir leicht und welche fallen dir schwer?}
\Zeilen{16}

\question{\quote{Du hättest doch Nein sagen können.} Dieser Satz verstärkt die Scham, Grenzüberschreitungen im Nachhinein zu besprechen. Kennst du diesen Satz in dir oder von Beziehungspersonen? Gehe mit der Scham in Kontakt.}
\Zeilen{14}
