\story{Über Kaffee und Sex / Niemand muss hier kommen}

Auch ich habe lange geglaubt, Sex sei wie ein Zielparcours. Irgendwo am
Ende wartet der Orgasmus, eine Ziellinie, über die man bitte gemeinsam
läuft. Wenn das nicht passiert, fühlt es sich an, wie ein Fehler.
Unvollständig.\\
Heute weiß ich: Niemand muss kommen. Und alles wird
leichter, seit ich das wirklich glaube.

Die ersten zwei, drei Male meines beginnenden Sexlebens habe
ich vor allem eines versucht: Lauter zu sein, als ich mich gefühlt habe.
Nicht aus Lust, sondern aus Rücksicht. Um der anderen Person diese
Unsicherheit zu ersparen. Um nicht der Grund zu sein, warum jemand
denkt, etwas stimme nicht. Dabei war ich selbst gar nicht unzufrieden,
aber ich merkte sehr genau, dass mein Gegenüber es war, wenn ich nicht
hörbar ekstatisch kam.

Und dann erinnere ich mich überraschend klar an einen Moment, als es mir
in den Kopf schoss: Moment. Ich will nicht eine dieser Frauen sein, die
einen Orgasmus faken. Mein Leben lang dieses Schauspiel? Konnte ich mir
nicht vorstellen. Das fühlte sich an, als würde ich Sex zu einer
Notwendigkeit erklären, die man halt macht, weil man es macht. Dagegen
rebellierte alles in mir. Und so wurde dieser Satz, das \quote{Ich
  will so nicht sein}, zu einem Mantra. Und ich musste mich mit mir
selbst auseinandersetzen.\\
Also begann eine lange Phase des Suchens. Mehr als zehn Jahre habe ich
gebraucht, um herauszufinden, wie ich mich beim Sex mit Männern
orgastisch fühle. Und bis dahin blieb ich recht stumm. Oder zumindest
ziemlich leise.\\
Weil ich keine verbale oder nonverbale Möglichkeit fand, mein
\quote{Anderssein} zur Sprache zu bringen. Außerdem wusste ich überhaupt
nicht, wo ich mich als Frau mit und ohne (intensive) Orgasmen einordnen
sollte – und inwiefern ich überhaupt anders war – von welchem Standard
aus …? Wenn ich doch mal lauter wurde, begann ich eine Zeit lang zu
hinterfragen, ob das überhaupt okay ist, oder ob ich hier wieder in
Akteurin-sein verfalle.

Dann gab es Nächte, in denen die Lust wie eine langsame Welle kam. Kein
Knall, kein Höhepunkt zum Vorzeigen. Nur Wärme, Atem, Haut. Ein Zustand,
in dem Zeit weich wird und der Körper denkt, ohne Worte zu brauchen. Ich
lag (oder saß?) da und dachte: Das bin ich. Genau so.\\
Dann war etwas frei geworden, das ich haben wollte, das ich wiederholen,
an das ich mich gewöhnen wollte.

Heute weiß ich: Ich mag Sex. Ich mag Sinnlichkeit. Und ich mag Genuss.
Egal, ob mit null, einem oder fünf Orgasmen. Entscheidend ist nicht das
Ergebnis, sondern, ob ich da bin. Ob ich reinspüre. Ob ich mir erlaube,
den Moment zu nehmen, wie er ist.

Vielleicht ist es wie mit Kaffee. Manche trinken keinen. Andere eine
Tasse am Morgen. Wieder andere fünf, über den Tag verteilt. Niemand käme
auf die Idee, zu sagen: \quote{Wenn du heute keinen Kaffee hattest, war
  dein Tag kein richtiger Tag.} (Waschechte Kaffeejunkies verzeihen mir
hier die Analogie und setzen gedanklich ein anderes Genussmittel ihrer
Wahl ein.)\\
Kaffee ist für mich Kontext, nicht Abhängigkeit. Ich
trinke ihn, weil ich ihn mag. Weil ich mir einen Moment für Genuss
nehme. Weil ich den Geschmack liebe, die Wärme, das kurze Innehalten,
das langsam Konsumieren. Allein oder mit jemand
anderem zusammen, ist es jedes Mal anders – und genau das macht es
wertvoll.\\
Sex darf genauso sein. Orgasmus darf genauso sein. Kein Pflichtprogramm.
Keine Mindestmenge. Kein Leistungsnachweis. Manchmal kriegt man nicht
genug davon, manchmal ist es gerade einfach nicht dran und andere Dinge
wichtiger.

\storyhead{Und nun: Ende. Friede, Freude und für immer befriedigt. Oder?}

Nun, mit dieser Erkenntnis allein war es nicht ganz getan. Ich brauchte
Orte, Menschen und Situationen, in denen ich das ausprobieren durfte.
Hier eine kleine Auswahl an Lernreisen, die ich mir selbst gegönnt
habe – und immer noch gönne.

\storyhead{Einfach mal nur da sein}

Sehr geholfen hat mir die queere, kinky, sexpositive Community und ihre
Events. In diesen Kontexten wurde ich nicht gefragt, ob ich heute horny
bin. Sondern, ob ich da bin. Und das reichte. Ich habe dort gelernt,
dass ich auch an einem unsexy Tag zu einem Event gehen kann und trotzdem
eine gute Zeit haben kann. Dass ich willkommen bin, so wie ich bin. Still,
laut, neugierig, erschöpft. Und ich bin immer mit mir selbst und anderen
Menschen (denen es vielleicht genauso ging, an dem Tag) in Kontakt
gekommen. Weil sich selbst spüren, wie man gerade ist, das Ziel war.
Nichts weiter.

\storyhead{Spielen ohne Ziel}

Manchmal beginnt das Spiel auch ganz woanders. Beim Playfighten zum
Beispiel. Zwei Körper, die sich messen, ringen, ausprobieren. Vielleicht
wird es rau, vielleicht kippt es in eine Massage. Vielleicht geht es um
Competition, vielleicht um Choreografie. Vielleicht ums Kuscheln.
Vielleicht um Dominanz und Unterwerfung, die mit allen Körperteilen
ausgehandelt werden. Vielleicht sagen wir irgendwann: \quote{Jetzt bin
  ich erschöpft.} Aber es war richtig schön. Vielleicht ist es für eine
Person vorbei, und für die andere noch lange nicht. Auch das darf sein.

\storyhead{Spielen zu meinem eigenen Vergnügen}

Dank der Einladung eines Menschen aus dieser Community, das mal
auszuprobieren, habe ich gelernt, meinen ganzen Körper für mein eigenes
Vergnügen zu nutzen. Berührung nicht in erster Linie zu geben, so, wie
ich denke, dass es der anderen Person gefällt. Nicht nur mit meinen
Händen zu berühren, um den anderen Körper möglichst in erogenen Zonen in
der \quote{richtigen}, steigernden Reihenfolge zu stimulieren. Sondern
völlig random. Meine Ellbogen zu benutzen, wenn ich will, meinen
Oberkörper, meine Brüste, dann vielleicht irgendwo dran, mal zu
schlecken, zu knabbern, dann zurück zum Waden packen. Völlig egal. Oft
frage ich, ob wir so starten können, auch wenn wir uns noch nicht so gut
kennen.

Zu oft war Berührung vorher Mittel zum Zweck. Zu oft darauf
ausgerichtet, etwas auszulösen, zu liefern, zu bestätigen. Heute frage
ich mich häufiger: Was mag ich gerade? Was tut mir gut? Wie möchte mein
Körper jetzt berührt werden – unabhängig davon, wie es aussieht oder
gelesen wird?\\
Wenn ich zubeiße, passiert manchmal etwas merkwürdig Intensives: Ich
komme fast – das Stöhnen, das mit entweicht, könnte echter nicht sein,
und ich müsste stattdessen schmerzhaft fest auf meine eigene Zunge
beißen, um es zu zügeln.

Ich weiß inzwischen: Berührung ist eine meiner wichtigsten Love
Languages. Ich liebe, Berührung zu geben, und noch mehr, sie zu
bekommen. Ich brauche sie dringend. Das auszusprechen und dazu zu
stehen, fühlt sich wie eine kleine Befreiung an.

\storyhead{Weiter lernen ist Teil der Reise}

Zur Wahrheit gehört aber auch: Ich bin bis heute leicht verunsichert, wenn
ein männlicher Körper mit Penis nicht kommt. Was man im Kopf hat: Blue
Balls, und so. Dann tauchen sofort Fragen auf: Geht es ihm nicht gut?
Habe ich ihn nicht genug aus seinem Kopf geholt? Diese alten Muster
sitzen tief. Aber genau daran möchte ich weiterarbeiten. Denn wie meine
Orgasmen ticken, kann ich mittlerweile ziemlich gut kommunizieren. Und
ich merke, dass das etwas verändert. Es scheint mein Gegenüber zu
überzeugen und den Druck rauszunehmen. Zu verstehen, dass meine
Erlebnisse sinnlich genauso vollständig sind, wie sie sich gut
anfühlen – mit oder ohne Höhepunkt. Ich liebe es, mich fallen zu lassen.
Jetzt würde ich gerne, dass es andere ohne um mich herum auch können und
dürfen.\\
Ich glaube, in erster Linie fest, es geht genau darum: andere, neue
Ziele zu setzen. Neugierig zu bleiben – auf uns selbst und aufeinander.
Zu spielen, ohne zu wissen, wohin es führt.

Manchmal trinken wir Kaffee, um wach zu werden. Manchmal einfach, weil
er gut schmeckt. Und manchmal lassen wir ihn ganz weg.

Kein Drama. Niemand muss kommen. Aber jede:r darf auf seine Art
genießen.

Und ja, auch ich verschütte manchmal noch den ein oder anderen Kaffee,
oder er schmeckt mir in dem Moment nicht so, wie ich erwartet habe.
Mit den richtigen Personen kann ich drüber lachen und
morgen einen neuen machen gehen.

\question{Beschreibe so gut du kannst, wie deine Orgasmen ticken.}
\Zeilen{16}

\question{Was hilft dir beim Sex, wirklich mit dir selbst in Kontakt zu kommen und zu bleiben?}
\Zeilen{15}

\question{Gibt es in dieser Geschichte etwas, dass dich zum selber ausprobieren inspiriert?}
\Zeilen{15}
