\story{Orgie im Kopf}

Mein Einstieg in die sexualisierte Gesellschaft war überfordernd.
Plötzlich gehörte es dazu, den ersten Kuss erleben zu wollen, danach
weiterzugehen und als verruchte, souveräne und erfahrene Dreizehnjährige
zu gelten – und wer das nicht wollte, war nur ein Kind.\\
Für mich als Spätzünderin bedeutete dies hohen Druck, mein Desinteresse
zu kaschieren, Pubertätsstufen zu performen und mit der Scham umzugehen,
dass ich weder Sex noch Interesse daran hatte. Dies externalisierte ich
sogar so weit, dass ich jahrelang dachte, ich sei zu unattraktiv, zu
abstoßend, als dass irgendjemand (inklusive mir selbst) mit mir Sex
haben wolle.

Als die Hormone Anfang 20 reinkickten löste sich dieser Knoten im Kopf
und ich begann sehr zu schätzen, dass meine sexuellen Erfahrungen nicht
mit \quote{nervösem Herumstochern} sondern mit erfahrenen, entspannten
Menschen begannen. (Und dass ich nie so krass belästigt oder unter Druck
gesetzt wurde, dass mein Körper sein eigenes Tempo bestimmen durfte, ist
zwar sicher kein Grund für Dankbarkeit, aber ja leider auch nicht
alltäglich …)\\
Die nächsten Jahre holte ich die Erfahrungen auf, die ich dachte,
verpasst zu haben. Mit großer Spielfreude erkundete ich die
Lieblingspraktiken und sexuellen Spezialisierungen der Menschen, die
mich an ihren Erfahrungen teilhaben lassen wollten.

Als ich Ende zwanzig ein paar Jahre in einer monogamen Beziehung war,
fehlten mir die Überraschungseffekte, die Gelegenheiten, durch
unerwartete Momente in der intimen Begegnung meine Selbstkenntnis zu
vertiefen. Gleichzeitig empfand ich die sexuelle Routine meines Alltags
nicht als monoton oder unbefriedigend, sondern feierte die Verfeinerung
und Vertiefung des Aktes: Wie ein Kunstwerk für das tausende Skizzen
geübt und perfektioniert wurden und das sich zu immer ekstatischerer
Schönheit zusammenfügt. Die Öffnung der Beziehung war also für mich
keine Option.

Beim Masturbieren dachte ich oft an frühere Erfahrungen, an geile
Momente, an sexuelle Spielarten, denen mein Beziehungspartner nichts
abgewinnen konnte oder die ich mir mit ihm nicht vorstellen konnte und
die wir für uns verworfen hatten.\\
Darüber kam ich zur Masturbation mit dem Inneren Team. (Von diesem
Modell hatte ich kurz zuvor gelesen, aber nie damit gearbeitet. Es kann
sein, dass Therapeut*innen das Folgende lesen und sich wundern, dass
meine Lesart nicht der üblichen Praxis zur Arbeit mit dem Inneren Team
entspricht. Der Begriff, wie ich ihn verwende, ist also sehr weit
gefasst und bildlich zu verstehen.)

Ich erlebte plötzlich eine Orgie im Kopf, in der verschiedene
Persönlichkeiten meiner Sexualität zusammen spielten und sich
gegenseitig antrieben: Die treue Partnerin wurde anfangs von den anderen
verwöhnt und fühlte sich sehr bestätigt in ihrer Anpassung an die
christlich-abendländische-heteronormative Sexualmoral, endete aber im
besten Sinne derangiert. Die innere Kritikerin gab jedem eins mit dem
Flogger drüber, der pornografische Ästhetik nachahmte oder anderweitig
unauthentisch war. Verschiedene männliche Anteile probierten
aggressivere oder anbetende Praktiken aus, die Kopfstimme war mal
Regisseurin, mal Kommentatorin des Geschehens. Das naiv-vertrauensvolle
Ich, das machtorientiert-manipulative Ich, das ungeduldig-effiziente
Ich, das ehrgeizig-vergleichende Ich, usw. fanden sich in Arrangements
und Konstruktionen wieder, die sie bis dahin nicht kannten, die sie
gleichermaßen bestätigten und herausforderten, die ihre Wünsche
verwirklichten und auffingen, was darüber hinausging. Und dann spritzen
sie alle gemeinsam und ich erstmals ab.

Das Masturbieren mit dem Inneren Team ist für mich ein Safe Space an dem
Gewohnheiten in Frage gestellt und inspirierende Alternativen entworfen
werden. Meine Freiheit, sexuelle Vorlieben anzuerkennen und sexuelle
Wünsche zu entwickeln hat sich dadurch enorm erhöht, weil kein Gegenüber
(nicht mal ein fiktives) mitgedacht werden muss.\\
Es ist gleichzeitig eine solide egoistische und utopisch pluralistische
Sexualität, in der Enttabuisierung nur so weit geht, wie die eigene
Moral und die Möglichkeiten an Praktik, Körper, Dynamik, Empfinden,
Vielfalt so gigantisch sind, wie die eigene Fantasie.


\question{Welche Fantasien genießt du bei der Masturbation?}
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\question{Was sind deine eigenen sexuellen Persönlichkeiten?}
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\question{Wie könnten sie sich in einem sexy Kopfkino begegnen?}
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