\story{Stereotype}

Trans*Frauen wie ich werden in intimen Situationen immer wieder auf
stereotype Erwartungen reduziert. Es gibt diese festgefahrenen
Schubladen:

\hangindent=3mm{\it Hat einen Penis?} – muss penetrieren und Blow- und
  Handjobs mögen.

\hangindent=3mm{\it Hat noch keine Vulva?} Muss darauf stehen, anal
  penetriert zu werden.

\hangindent=3mm{\it Ist eine Frau?} Muss Sub sein und sich beim Sex
  gern unterwerfen.

Diese Rollenbilder haben mir lange Angst gemacht. Wenn ich Pornos sehe,
werden fast immer genau diese Bilder transportiert – eine Industrie, die
uns weismachen will, wie wir zu funktionieren haben. Aber ich bin nicht
die Trans-Frau aus dem Porno. Ich muss nicht dominieren und ich muss
nicht penetrieren, obwohl 99\,\% aller Filme das suggerieren. Ich muss
meinen Körper nicht einmal zu 100\,\% lieben, um Sex zu haben und dabei
Lust zu empfinden. Ich bin so viel mehr als nur mein Penis, auf den ich
aber zu oft reduziert werde.

Diese Reduzierung spüre ich beim Dating extrem. So viele Chats haben
sich angefühlt, als würde ich nur aus zwei Funktionen bestehen:\\
Frauen wollten mich häufig
penetrieren – einen Wunsch, den sie bei männlichen Partnern oft nicht
zulassen.\\
Männer dagegen wollten beides: Penetrieren, weil ich ja
\quote{nur} Analsex kann, oder selbst penetriert werden, weil sie das
von einer \quote{echten} Frau nicht bekommen. Ich als \quote{Etwas
  zwischen Mann und Frau} das aber bieten soll. Mit einem Mann wäre es
für sie schwul, bei mir ist es ein Experiment.\\
In beiden Fällen werde ich als
reines Sexobjekt gesehen, nicht als Mensch.

Einmal schrieb mir eine Frau: \quote{Ich würde dich jetzt so gerne
  hemmungslos von hinten durch die ganze Wohnung ficken.}\\
Da war ich raus. Nicht, weil die Nachricht per se falsch war, sondern
weil ich mich schämte, das nicht \quote{bieten} zu können, was angeblich
alle Trans-Frauen tun.

Dieser Druck hat sich tief in mein Selbstbild gefressen. Manche Frauen
haben mich im Bett behandelt wie einen Mann, einfach weil mein Körper
nicht \quote{weiblich genug} war. Nur weil ich kaum Brüste habe, heißt
das nicht, dass ich dort nicht berührt werden will. Ich habe mir das
gefallen lassen, weil ich dachte, dass das so sein muss: Dass ich
weniger wert bin, keine richtige Frau, sondern \quote{nur trans*}.

Vieles hätte durch Kommunikation so einfach sein können, aber das
scheint gerade bei schnellen Sex-Verbindungen echt schwer zu sein. Ich
musste erst lernen, mich aus diesen Kategorien zu befreien. Ich MUSS
keinen analen Sex mögen, nur weil ich keine Vulva habe. Aber: Ich KANN
es mögen – in meinem Tempo, völlig unabhängig von gesellschaftlichen
Erwartungen. Wenn ich es genieße, dann bin ich trotzdem kein Stereotyp
und kein Objekt, das tut, was es soll, sondern einfach nur ich.\\
Mittlerweile weiß ich, dass es anders ist. Ich kann Nein sagen, ich kann
Ja sagen, ich kann stöhnen, ohne mich zu verstellen. Ich kann Sachen
genießen, die ich laut Gesellschaft nicht genießen dürfte, und Sachen
ablehnen, die ich laut Lehrbuch eigentlich mögen müsste. Ich erkenne
heute, wenn Menschen in mir nur eine Trophäe sehen, und renne früh genug
weg, ohne mich zu schämen.

Was das alles mit Meutern zu tun hat? Ich meutere gegen Stereotype,
gegen Fetischisierung und gegen das, was mir Medien jahrelang
eingetrichtert haben. Ich meutere für meine eigene Lust und für meine
Gefühle.

\question{Was für sexy Eigenschaften entsprechen deiner stereotypen Geschlechterrolle und du findest sie so richtig gut?}
\Zeilen{15}

\question{Mit welchen Eigenschaften kannst du dich nicht so identifizieren?}
\Zeilen{15}

\question{Welche Eigenschaften aus anderen Geschlechterrollen findest du sexy und könntest sie mal anprobieren?}
\Zeilen{15}
