\story{Chain}

{\it Listen to the wind blow\\
Watch the sun rise}

\quote{Streichel, streichel, Klapps, Klapps, Klapps} auf dem Arm.\\
\quote{Braver Hund}, denke ich und bekomme einen Kuss auf die Wange. Den
gleichen, den auch unsere Kinder bekommen. Das ist das, was er Zuneigung
nennt.

Liebe ist das nicht.\\
Ich bin unsichtbar.\\
Köchin, Kindergärtnerin, Wäscherin, Einkäuferin, Organisatorin,
Familienzusammenhalterin. Inventar.

Kein Kuscheln, kein Händchenhalten, kein Anschmiegen oder zärtliche
Worte. Nur die Sehnsucht und der Gedanke: \quote{Das ist es jetzt?}\\
Natürlich auch die anderen Gedanken: \quote{Du kannst ihn nicht
  verlassen – ihr habt ein Haus, zwei Kinder.}\\
Ich hatte mir Dessous gekauft, hatte die Kinder bei den Großeltern und
ihm verführerisch die Tür geöffnet – aber da hatte er gerade einen
stressigen Tag gehabt und war nicht in Stimmung. Beim nächsten Mal auch
nicht. Überhaupt, er habe zu viele andere Dinge im Kopf.\\
Erklärungen gab es immer. Und die Körbe taten weh.

Gespräche … Immer wieder Gespräche. Vorschläge von mir, genervtes
Weggehen von ihm. Tränen.\\
\quote{Dann muss ich mir halt jemand anderes suchen.}\\
\quote{Pah – dann mach doch …} Hämisches Lachen.\\
Natürlich machte ich nicht. Ich war doch verheiratet. \quote{Er
  schlägt dich nicht, er trinkt nicht, was erwartest du denn
  eigentlich?}\\
\quote{Wenn dies oder das nicht mehr ist, wird es wieder besser –
  denke ich}, waren seine Aussagen.

{\it Run in the shadows\\
Damn your love, damn your lies}

Nichts wurde. \quote{Streichel, streichel, Klapps, Klapps, Klapps.}

Im Mai 2005 war ich so wütend. Vier Jahre waren vergangen. Ohne
Zärtlichkeiten. Ohne Sex – oh nein … eine viertel Stunde gab es mal
2003. Daraus wurde unser Sohn.\\
Schwangere fand er widerlich. Milchbrüste ekelten ihn.
\quote{Du wirst auch nicht wieder dünner nach der Geburt.}\\
Okay, ich hatte keine 90-60-90. Aber tatsächlich 90-70-90. Echt mal.

{\it And if you don't love me now\\
You will never love me again}

Mai 2005. Wir lagen im Bett. Ich erklärte ihm, dass ich so lange
auf seine Bedürfnisse Rücksicht genommen habe und jetzt müsse er eben
auch mal auf meine achten. Ich sehnte mich nach Zärtlichkeit, nach Sex. Ich
würde so gern auch mal kommen. Nicht nur durch die Dusche. Ich würde
auch gern mal geleckt werden.\\
Ekelig für ihn, genau wie Zungenküsse, oder sich nach dem Sex nicht
sofort waschen … und dann nicht mehr angefasst werden wollen.

{\it Listen to the wind blow\\
Down comes the night}

Ich würde diesen Weg gern mit ihm gehen, aber wenn er ihn nicht mit mir
gehen wolle, gehe ich halt allein, sagte ich ihm.\\
Hämisches Lachen: \quote{Dann mach doch.}\\
\quote{Okay}, erwiderte ich diesmal.\\
\quote{Wie willst du das denn machen?}, fragte er arrogant nach.\\
\quote{Keine
  Ahnung: Vielleicht gehe ich in einen Swinger-Club, vielleicht greif
  ich mir irgendwo anders einen Kerl auf.}\\
\quote{Ja – wie gesagt, mach!}\\
\quote{Okay!}

Ich flirtete mit einem Mann, mit dem ich beruflich zu tun hatte. Kein
Kollege, aber wir arbeiteten an einem Projekt. Er war interessiert. Es
war aufregend. Das hatte ich noch nie gemacht. Irgendwann verabredeten
wir uns in seinem Büro.\\
Ich weiß noch genau, wie mein Herz bis zum Hals schlug. \quote{Wenn ich
  jetzt da reingehe, gibts kein Zurück mehr. Du kriegst die Zahnpasta
  nicht mehr in die Tube!}, waren meine Gedanken.\\
Wir begannen eine Affäre. Ich hatte zwei Leben. Ein \quote{Single-Leben}
an der Seite eines Geschäftsmannes, ein anderes als ungesehene,
verheiratete Mutter.\\
Dieser Mann sah mich. Machte mir Komplimente. Ich fühlte mich sexy und
attraktiv, wie schon lange nicht mehr. Es war komisch, plötzlich grüßten
mich Kollegen, die sonst schweigend an mir vorbei gegangen waren, ich
wurde umarmt und zu Gesprächen dazugeholt. Ich traute mich sogar, mit
dem \quote{anderen Mann} eine Mini-Reise nach Barcelona zu machen.

Aber mir war schlecht vor Lügen.

{\it Break the silence!\\
Damn the dark, damn the light!}

Wir haben die Affäre beendet. Er, weil er keine Familie wollte. Ich,
weil ich irgendwie noch nicht bereit war. Es war eine gelebte Facette.
Ich bin froh, dass ich sie rauslassen und erleben konnte.

Ich verschwand wieder. \quote{Streichel, streichel, Klapps, Klapps,
  Klapps} …

Aber ich hatte Blut geleckt … und nicht nur das. Ich schrieb meine ersten
erotischen Kurzgeschichten, um meine Gedanken der Lust in Worte zu
fassen.\\
Nach einem Dreivierteljahr vermisste ich meinen Körper.

In einem neutralen Chat schrieb ich mit einem Mann, den ich dann auch traf.
Allerdings zu dem Zeitpunkt völlig erwartungsfrei. Wir konnten uns über
alles unterhalten. Auch über Erotik. Das war neu für mich.\\
Ich bedankte mich für das Treffen, und ein Schlagabtausch der
Nachrichten entbrannte. In Gedichtform, als Rätsel oder Aufgabe. Ich
spürte, wie mein Verlangen wuchs, und … wir trafen uns erneut. Wir saßen
uns gegenüber und redeten. Wir küssten uns zum Abschied. Kein Sex. Aber
dieser Kuss war ein Versprechen. Schon der Blick im Café zuvor hatte die
Welt verschwinden lassen.

In diesem Jahr sind wir 20 Jahre zusammen.

Und dieses Zusammensein ist vollkommen anders. Er las meine erste
erotische Geschichte. Eine über zwei Frauen, und als ich ihm erklärte,
dass ich erotisch eigentlich gar nicht an Frauen interessiert sei,
fragte er: \quote{Woher weißt du das, wenn du es nicht probiert hast?}.
Und er ließ es mich. Und ich mochte es und tat es wieder. Wir, zu dritt.
Später, zu dritt, mit Männern. Wir lebten unsere Erotik, und es war
befreiend. Wir sind keine Swinger. Wir suchen explizit aus, wer uns
beiwohnen darf … Wir haben ja uns. Immer noch. Wir begehren uns und
nehmen uns die Zeit für den Genuss. Für Orgasmen, auch orale.

Das alte Leben ist nur eine Geschichte.\\
Das jetzige lebe ich!

\question{Was für Körbe hast du schon bekommen, die nicht respektvoll waren?}
\Zeilen{15}

\question{Hier ist Platz um wütend über vergangene Verletzungen zu sein.}
\Zeilen{15}

\question{Wie kann man respektvoll Körbe geben?}
\Zeilen{15}
