\story{Lusterfahrungen: Eine biografische Skizze}

Ich bin ein Kind der frühen Achtziger. Meine Eltern haben mich super
aufgeklärt, was auch zu der Zeit noch selten genug vorkam. Sie erklärten
mir alles kindgerecht anhand eines Comics, als mein Bruder auf die Welt
kam. Und dann noch einmal – fortgeschrittenes Level – mit etwa zehn, um
mich auf die Menstruation vorzubereiten. Mit zwölf bekam ich weitere
pädagogische Aufklärungsliteratur und konnte mich, obwohl es noch kein
Internet gab, prima eigenständig informieren.\\
Aber, und so richtig fiel mir das erst beim Nachdenken über diesen Text
auf, auch in diesen wirklich liebevoll illustrierten, gut gemachten
Büchern war es immer der Mann, der mit seinem steifen Penis in die
Scheide der Frau eindringt. Nie war irgendwo die Rede von der Frau, die
mit ihrer üppig angeschwollenen Vulva – ein Wort, das in der Literatur
der 90er-Jahre noch unbekannt war, und hinter deren Schwellung, wie wir
heute wissen, die Klitoris steckt –, mit ihren feucht-triefenden
Vulvalippen und ihrer glitschigen Vagina den Penis lustvoll in sich
einführt. Zudem fehlte eine emotionale Darstellung weiblichen Begehrens
völlig. Bilder und Beschreibungen weiblicher Lust kamen in den Büchern,
Zeitschriften und Filmen, die ich als Teenager gelesen und angeschaut
habe, kaum vor.

Das war so in etwa mein Stand, als es losging mit meinen eigenen
Erfahrungen – technisch prima informiert (also nach dem damaligen Stand
der Aufklärungsliteratur), emotional ahnungslos.

\storyhead{1}

Er stand total auf mich, ich jedoch nicht auf ihn. Er war für mich eher
so etwas wie mein bester Freund. Aber ich war neugierig und ich mochte
ihn. Meine beste Freundin hatte gerade ihren ersten Freund und ich
wollte auch gern meine Erfahrungen machen. Ich ließ mich auf ein
beziehungsähnliches Miteinander ein, das nach außen hin nicht offiziell
war. Dazu gehörten auch Petting und beieinander übernachten, obwohl
seine katholischen Eltern das nicht so gern sahen. Meine Eltern waren da
entspannter. Wir hatten bald zwei Jahre so zusammen verbracht, ich war
17, er 18, als meine Mutter meinte: \quote{Willst du nicht mit ihm
  schlafen? Ihr kennt euch doch jetzt so lange.}\\
Blöderweise hörte ich
mehr auf sie, als auf mein Gefühl. Wir haben es versucht, aber es tat
mir nur weh und hat keinen Spaß gemacht. Kurz danach trennte er sich von
mir, weil ich ihn nicht richtig liebte. Ich fragte meine Frauenärztin,
ob er mich entjungfert habe, und sie bestätigte es. Das erzählte ich
ihm, als wir im Pausenhof nochmal sprachen; wir waren auf derselben
Schule. Aus irgendeinem Grund war es mir unheimlich wichtig, ihm zu
sagen, dass er \quote{derjenige war, welcher}.

Jahre später erzählte ich meiner Mutter von dieser Erinnerung. Sie
stritt ab, mir je einen solchen Rat gegeben zu haben. Jahrzehnte später
erfuhr ich durch einen Radiobeitrag, dass man am Jungfernhäutchen gar
nicht erkennen kann, ob eine Frau bereits penetrativen Sex hatte. Das
fand ich witzig.

\storyhead{2}

Wir lernten uns bei einem Jobeinsatz für einen Catering-Service in einer
Schokoladenfabrik kennen. Ich war 18 und ließ mich auf ihn ein, weil ich
mich einsam fühlte, ohne mir dessen richtig bewusst zu sein. Einsam war
ich auch deswegen: Meine beste Freundin und ich hatten uns überworfen,
weil sie mir einen Kerl weggeschnappt hatte, auf den ich sie aufmerksam
gemacht hatte. Ich hatte ihr erzählt, dass ich ihn süß fand, war aber
viel zu schüchtern, das Objekt meiner Begierde selbst anzusprechen. Also
musste ich mit dem vorliebnehmen, was auf mich zukam.\\
Der Catering-Service-Mann mit Goldkettchen aus der Nachbarstadt schenkte
mir ein bisschen Aufmerksamkeit. Ansonsten war es nicht der Rede wert
und ging auch nur ein paar Wochen. Ich war offen für Petting, wollte
aber nicht mehr und verspürte auch keine große Lust mit ihm. Daraufhin
zeigte er mir einen Porno, ohne dass ich es wirklich wollte. Vermutlich
dachte er, ich müsse es nur mal technisch erklärt bekommen. Oder er
dachte, das würde mich anmachen. Mich stieß es eher ab. Trotzdem ließ
ich ihn ein bisschen an mir rumfuhrwerken, aber meine Vagina weigerte
sich, ihn reinzulassen.\\
Bald danach stieß ich ihn dann ab. Ich hatte die ganze Zeit
Magengrummeln, denn ich stand überhaupt nicht auf Goldkettchen. Später
verstand ich, dass ich mich nur auf ihn eingelassen hatte, weil ich mich
damals alleine wertlos fühlte. Als ob ein Mann, fast schon egal welcher,
einer Frau ihren Wert geben würde.

Nach dieser Begegnung machte ich meinen ersten anonymen HIV-Test im
Gesundheitsamt, weil ich mich schwer tat, einzuschätzen, wie sicher es
beim Rumfuhrwerken gewesen war. Hatte er ein Kondom benutzt? Ich wusste
es nicht mehr; vermutlich war ich währenddessen etwas apathisch gewesen.
Ich erzählte niemandem davon, so sehr schämte ich mich, obwohl die
Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung natürlich gering war. Der Test war
negativ, ich war erleichtert ohne Ende und ich schwor mir, nie wieder
ein Risiko einzugehen. Vor allem nicht mit einem Typen, der mir nichts
bedeutet.

\storyhead{3}

Das war was anderes. Ich war total verknallt. Ich war 20, wir lernten
uns bei einem Praktikum kennen. Er fand mich nett, aber letztlich war
ich für ihn vor allem eine angenehme Ablenkung davon, dass seine
Freundin gerade eine Pause von ihm machte und mit einem Anderen Sex
hatte, um herauszufinden, was sie wollte. Er war zehn Jahre älter als
ich, wohnte in einer coolen WG und kiffte.\\
Ich hatte gerade mein Abi
gemacht, wohnte noch zu Hause und war ziemlich brav. Als ich nach einem
Konzert spontan bei ihm übernachtete, musste ich meine Eltern anrufen,
damit sie sich keine Sorgen machten. Das war peinlich, aber gehörte
dazu. Genauso, wie wenn er für mich Kontaktlinsenflüssigkeit von seiner
Mitbewohnerin stibitzte, um meine Kontaktlinsen in Schnapsgläser
einzulegen, damit sie über Nacht nicht verschrumpelten.

Was den Sex angeht, erinnere ich mich nur noch an eine Szene, an die
aber sehr
genau: Wir lagen auf seinem Bett. Zu meiner Überraschung ging das
Eindringen problemlos, das war ein Novum. Dann hatte er einen ziemlichen
Spaß mit mir. Mir tat nichts weh, aber ich blieb innerlich völlig
unbeteiligt und spielte auch nichts vor. Ich nahm staunend seine Lust
wahr (Hey, dieser coole, viel ältere Typ hat Spaß mit mir!), ärgerte
mich ein wenig, dass ich ausgerechnet mit dem Kopf auf dem Bauch des
großen, weichen Teddys zu liegen kam, der, wie er mir erzählt hatte, ein
Geschenk seiner Freundin war, schaffte es aber auch nicht, diese etwas
unglückliche Situation zu unterbrechen. Also wurde ich mit dem Kopf
rhythmisch auf den Teddybauch gedrückt, als er mich vögelte, so dass der
Teddykopf über mir wippte und mich unangenehm daran erinnerte, dass
diese andere Frau wichtiger in seinem Leben war. Wieso sonst lag dieser
verdammte Teddy noch in seinem Bett? Und noch schlimmer: Wie konnte er
eine andere Frau darauf vögeln?

Trotz dieser etwas misslichen Ausgangslage beobachtete ich – als höchst
faszinierte Naturforscherin –, wie sich dieses Exemplar der männlichen
Spezies auf mir verlustierte. Ich registrierte sein Keuchen, sein
Sich-Aufbäumen beim Orgasmus, seinen entrückten Gesichtsausdruck.
Besonders ästhetisch war das nicht gerade. Und emotional berührte es
mich auch nicht sonderlich. Aber es war – irgendwie interessant.

Es ging nicht lange mit uns; er kam für eine Weile wieder mit seiner
Freundin zusammen, bis sie sich doch für einen anderen entschied. Ein
oder zwei Jahre später waren wir nochmal was trinken. Er sagte mir, wir
sollten irgendwann nochmal Sex haben, ich sei \quote{so schön eng.}
Wir hatten jedoch keinen Sex mehr, aber wir sind noch lose in Kontakt.
Er wohnt weiterhin in meiner Heimatstadt und als Mensch mag ich ihn
immer noch gerne.\\
Trotzdem empört es mich im Rückblick, dass er sich
nicht darum scherte, dass ich ganz offensichtlich emotional unbeteiligt
blieb. Also, keine Ahnung, welchen Gesichtsausdruck ich beim Sex
hatte, aber gestöhnt habe ich sicher nicht. Das Schlimmste war aber: Ich
dachte, mit mir stimmt was nicht. Ich dachte, ich funktioniere irgendwie
nicht richtig. Inzwischen weiß ich, dass ich sehr viel mehr emotionale
Verbindung brauche, um Sex genießen zu können.

\storyhead{4}

Nicht groß der Rede wert. Er war ein etwa zehn Jahre älterer
Langzeitstudent mit schönen, langen, dunklen Haaren. Ein Charmeur, der
es bei vielen Frauen versuchte. Um sich von seiner großen Liebe, die
ihn nicht mehr wollte, abzulenken. Ich war also, wie beim letzten Mann,
ein Ablenkungsmanöver. Aber ich war frisch im Studium, in einer neuen
Stadt und sagte mir: \quote{Hey, lass uns ein bisschen Spaß haben! Was soll
schon sein?} Und schwupps, hatte ich mich verliebt, weil ich mich
meistens verliebe, sobald es körperlich wird. Und dann litt ich, weil er
mich nicht richtig wollte.\\
Zu meiner Überraschung war er gar nicht so sehr auf Sex aus, sondern
eher aufs Erobern an sich und das Kuscheln. Für mich war das in Ordnung.
Ich kann mich gar nicht daran erinnern, ob wir überhaupt \quote{richtig}
miteinander geschlafen haben. Es war ziemlich viel Blaubeerwein im
Spiel, wenn wir uns trafen …

\storyhead{5}

Wir lernten uns im Studium kennen. Ich fand ihn anfangs gar nicht
sonderlich attraktiv, aber er war hartnäckig, und das imponierte mir.
Außerdem merkte ich auf einer Silvesterfeier, dass ich verdammt gut mit
ihm reden konnte – so etwas hatte ich noch nie erlebt: Ich konnte mich
mit jemandem so verbunden fühlen, es war das totale Flow-Erlebnis.\\
Ich fühlte mich von ihm unglaublich gesehen und so besuchte ich ihn, als
er mich in seine Wohnung einlud. Seine erste Berührung, als er kurz
absichtsvoll an meine Taille fasste, um mich in ein anderes Zimmer zu
geleiten, war eine Verheißung: warm, zärtlich und äußerst respektvoll.
Ich glaube, mit dieser Berührung hat er mich rumgekriegt.

Als wir einige Zeit später miteinander im Bett waren, mussten wir uns
trotzdem erst einmal aneinander gewöhnen. Es gab ein paar
Missverständnisse zu Beginn. Aber dann – war es eine Offenbarung. Er
begehrte mich als ganzen Menschen, nicht nur als weiblichen Körper. Er
war beim Sex mehr auf mich fokussiert als auf sich selbst (er hatte auch
um einiges mehr an Erfahrung, obwohl er nur wenige Jahre älter war).
Sein liebevolles, mich anbetendes Vorspiel sorgte dafür, dass ich den
Sex genießen konnte und zum ersten Mal gemeinsam mit einem Mann
\quote{richtige} Orgasmen hatte. Und was für welche! – Überwältigend,
erfüllend, mich im Universum auflösend. Manchmal lachte ich vor Staunen,
manchmal weinte ich vor Verbundenheit. Manchmal kam ich sogar schneller
als er.

Er war aber auch fordernd und wollte ziemlich schnell ohne Gummi mit mir
schlafen, da ich ja die Pille nahm. Ich vertraute der Chemie nicht
wirklich und fand in dem Fall das Motto \quote{Doppelt hält besser} gar
nicht blöd. Trotzdem ließ ich mich dann darauf ein, seine Lust wichtiger
nehmend als mein Sicherheitsbedürfnis. Ich konnte mich nie so richtig
daran gewöhnen, dass sein Sperma nach dem Sex wieder aus mir
herausfloss. Da war etwas in mir, was nicht zu mir gehörte. Ich mochte
den fremden Geruch nicht.

Nachdem ich meine ersten großen Orgasmen mit ihm erlebt hatte, war ich
an einer alten Praktikumsstelle zu Besuch. Mein ehemaliger Chef
kommentierte meine offenbar sichtbar veränderte Ausstrahlung mit den
Worten: \quote{Du wirkst wie ein angestochenes Fass!}
Ich weiß bis
heute nicht, ob ich das charmant oder übergriffig finden sollte. Aber
es war eine äußerst treffende Beschreibung.

Wir hatten eine emotional aufreibende Beziehung und verbrachten dennoch
insgesamt zwölf Jahre miteinander. Sicherlich trug auch der gute Sex
dazu bei, dass wir so lange zusammenblieben. Und dass wir über unseren
Sex miteinander sprachen, weil ich mir das wünschte. Zu Beginn war das
für ihn sehr ungewohnt und schambesetzt gewesen, aber er ließ sich
schließlich darauf ein.

Manchmal war ich etwas abgestoßen von seinem lustvollen Gesicht, von
seiner Geilheit. Dann war er mir fremd. Weil ich dieses Gefühl noch
nicht kannte. Vielleicht war ich auch neidisch, ohne es zu verstehen.\\
Als ich mich irgendwann traute, die Pille abzusetzen, die ich seit
meinem 16. Lebensjahr genommen hatte, damit nur jaaaaa nichts
schiefgeht, waren wir beide überrascht, wie viel mehr Lust ich hatte.
Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie Wildheit empfand, und wir
genossen es beide sehr. Außerdem fand ich es angenehm, dass sein Sperma
im Kondom blieb.\\
Trotzdem war ich von echtem Begehren noch weit entfernt. Später wurde
mir klar, dass ich den Sex mit ihm liebte, weil er ein verdammt guter
Liebhaber war. Aber ich hatte nicht ihn als Mann begehrt. Ein Teil der
Chemie zwischen uns hatte immer gefehlt.

\storyhead{nach 5, vor 6}

Dazwischen lagen etwa eineinhalb Jahre männerfreie Zeit. Eine Zeit, in
der ich lernte, mich seelisch und körperlich selbst zu lieben. Das hielt
zwar nicht dauerhaft, aber ich wusste jetzt, dass ich es konnte.
Zumindest zeitweise, und das war eine riesige Befreiung. Ich wurde
emotional unabhängiger. Ich war weniger schüchtern. Ich vertraute mir
selbst mehr. Ich eroberte mir neue Freiräume.

\storyhead{6}

Ich traf den um einiges älteren Mann bei einem Wochenendworkshop und wir
führten intensive, tiefgehende Gespräche. Mit ihm lernte ich, dass so
etwas möglich ist: Ich saß ihm gegenüber an einem Biergartentisch,
redete mit ihm, war unheimlich verknallt und – neu für mich: Ich
begehrte ihn! Ich wollte ihn so dermaßen und zugleich wusste ich, dass
er totalen Scheiß erzählte. Mein Verstand funktionierte noch. Er
versuchte, mich argumentativ davon zu überzeugen, mit ihm ohne Kondom
Sex zu haben. Und das, obwohl er in offenen Beziehungen lebte und noch
mit zwei anderen Frauen Sex hatte, von denen mindestens eine auch Sex
mit anderen Männern hatte. Und nicht nur mein Verstand funktionierte,
sondern ich hatte inzwischen – ich war jetzt Mitte/Ende Dreißig – auch
gelernt, für meine Überzeugungen einzustehen. Das hier war ein No-Go.
Außerdem küsste er total beschissen; immer wieder klapperten unsere
Zähne aufeinander.\\
Er quälte sich dann mit den Gummis, denn ich nahm die Pille aus
Überzeugung nicht mehr. Er hätte sogar eine Schwangerschaft in Kauf
genommen, aber mit ihm konnte ich mir das trotz Verknalltheit nicht
vorstellen.

Auch dieser Mann blieb eine kurze Geschichte, denn seine Frau wollte die
Beziehung plötzlich doch schließen, weil sie eifersüchtig war. Damals
ärgerte ich mich, aber inzwischen bin ich ihr dankbar – denn so blieb es
eine kurze, verwirrende Episode mit einem Mann, den ich körperlich
begehrte, mit dem der Körperkontakt aber nicht erfüllend war.

\storyhead{7}

Ich mochte ihn auf Anhieb, weil er im Gespräch unglaublich aufmerksam
und nett war. Ich fand ihn auch gleich lecker, zum Anbeißen. Sein
muskulöser Körper und sein sanftes Wesen ergaben eine Kombination, die
für mich absolut anziehend war. Aber dass er Socken in seinen
Outdoorsandalen trug, war ein ernstes Ausschlusskriterium. Dachte ich
zumindest.

Das änderte sich jedoch bei einem Tanzworkshop, an dem wir beide
teilnahmen. Es war eine Art freies Tanzen, bei dem auch mal zärtliche
Berührungen und Umarmungen stattfanden. Sobald ich wusste, dass er
kommen würde, war ich aufgedreht. Als ich ihn im Kurs dann tatsächlich
umarmte, seinen großen, kräftigen Leib an meinem spürte und dazu noch
den verführerischen Duft an seinem Hals einatmete, verliebte ich mich
auf der Stelle.

Einige Wochen später traute ich mich, ihm zu sagen, dass ich mich in ihn
verknallt hatte. Leider hatte er nur Interesse an einer Freundschaft.
Ich ließ mich darauf ein, weil es mich glücklich machte, Zeit mit ihm zu
verbringen. Aber meine mich völlig überfordernde Begierde, begleitet von
wilden Phantasien, kam jeden Monat wieder.

Wir waren etwa zwei Jahre eng befreundet gewesen, als ich – angestachelt
von einem anderen guten Freund, der mir versicherte, dass die meisten
Männer doch letztlich nicht abgeneigt seien – meinen ganzen Mut
zusammennahm und eine Offensive startete.\\
Zwar hatte ich ihm schon gesagt, dass ich auf ihn stand, mich ihm aber
auf eigene Initiative körperlich zu nähern, war für mich sehr
angstbesetzt. Ich hätte es nicht ertragen, abgewiesen zu werden. Bisher
hatten immer die Männer diesen Part übernommen, es einzufädeln, sich zum
ersten Mal körperlich nahe zu kommen. Ich hatte überhaupt keine
Erfahrung damit. Und außer übertriebenen Vamp-Frauen aus Filmen, mit
denen ich mich nicht identifizieren konnte, hatte ich keine Vorbilder.

Ich bat ihn, Nacktfotos von mir zu machen. Bei mir zu Hause. Er willigte
ein, ich blieb dann aber doch leicht bekleidet. Wir landeten in meinem
Bett, weil er dort eines der Fotos von mir machte und für die Aufnahme
neben mir kniete. Nach der Fotosession durfte ich mich zum Kuscheln auf
ihn legen, küssen durfte ich ihn aber nicht. Es war zum Verzweifeln!

In den nächsten Wochen ging es aber doch schrittweise voran. Halleluja!

Irgendwann war es dann so weit. Es war der erste Sex meines Lebens, bei
dem ich den anderen mit meiner Lust mitriss. Jetzt wusste ich, wie sich
Geilheit anfühlte – mein Körper war bereit, noch bevor er mich überhaupt
berührt hatte. Es musste nur die Möglichkeit im Raum stehen, dass wir
Sex haben könnten, und mein Körper drehte durch. Sein Geruch war mein
Aphrodisiakum. Leider war er nicht nur moralisch, sondern auch
körperlich gehemmt. Also meistens. Manchmal war auch er wild, und mit
ihm konnte ich es genießen. Allerdings war er nicht besonders
experimentierfreudig und entzog sich mir immer wieder. Manchmal ging er
auch mitten im Rummachen ohne Erklärung, was mich hochgradig
frustrierte.

Wir verhüteten mit Gummis. Mit ihm hätte ich nach einem HIV-Test auch
ohne Kondom geschlafen. Ich wollte es sogar sehr und hätte gerne ein
Kind von ihm gehabt. Aber er war bereits Vater und hatte keinen Bock
mehr darauf.\\
Mal wollte er Sex, dann wieder nicht. Das machte mich kirre. Obwohl er
sagte, dass er den Sex mit mir richtig toll fände. Und er war auch toll
– wenn er sich einließ. Wir knutschten wild, er liebkoste meine Brüste
so zärtlich und ausdauernd, dass ich allein davon einen Orgasmus bekam
(ich hatte nicht gewusst, dass das möglich war), ich schleckte ihn
überall ab, ich ritt auf ihm, er nahm mich von hinten, er liebte meine
Gelenkigkeit und bog meine Beine in Stellungen, die ich zuvor noch
nicht kannte. Wir schwitzten, wir lachten. Mit ihm war ich im Flow, es
war leicht, es war verspielt und ich absolut präsent. Zugleich war es
irreal, wie
im Rausch. Es war, als hätte ich beim Sex mit ihm eine andere
Persönlichkeit. Wenn er nach Hause ging und ich anschließend in den
Spiegel sah, erblickte ich eine wache, sinnliche und wunderschöne Frau,
die aus allen Poren Lebendigkeit verströmte. Das war nicht nur Sex, das
war Empowerment. Ich fühlte mich machtvoll, stark und in meinem Element.
Natürlich wollte ich davon so viel haben wie nur möglich.

Er leider nicht. Ob es ihm zu viel Nähe war oder ihn sein schlechtes
Gewissen drückte, weil wir nicht zusammen waren, weiß ich nicht.
Insgesamt blieb es äußerst frustrierend für mich, so wenig Sex zu haben,
zumal wir weiterhin eng befreundet waren. Wenn ich ihn sah, war es, als
stünde ich vor einer Konditorei und drückte mir die Nase platt. Da
drinnen all die süßen Leckereien, und dazu dieser unwiderstehliche Duft!
Mir lief das Wasser im Mund zusammen, aber ich durfte nicht rein.

Ich fühlte mich emotional von ihm abhängig, schließlich war er mein
bester Freund. Zugleich vergifteten meine sexuelle Frustration und seine
emotionale Ignoranz nach und nach unsere ganze Beziehung. Nach einigen
Jahren enger Freundschaft mit letztlich nur wenigen, aber sehr
intensiven Begegnungen als Sexpartner gab ich schließlich auf, ließ alle
Hoffnung fahren und \quote{trennte} mich.\\
Das ist nun über ein Jahr her. In dieser Zeit habe ich relativ
konsequent Abstand zu ihm gehalten. Letztens waren wir einen Kaffee
trinken. Er hatte mir zuvor in einer Sprachnachricht mitgeteilt, dass er
fast täglich an mich denke. Das sagte er mir, obwohl für ihn klar ist,
dass er weiterhin keine Partnerschaft mit mir will. Natürlich war das
verwirrend. Beim Kaffeetrinken fragte ich ihn, woran er denn denke, wenn
er an mich denke. Er sagte: \quote{An unseren Sex.}

Ich habe noch keine Ahnung, wie die Geschichte mit ihm ausgeht. Ich bin
da äußerst ambivalent.

Rückblickend kann ich sagen: Es war ein Geschenk, mit ihm meine wilde
Lust erlebt zu haben, eine ungeheure, lebendige Kraft, die ich zuvor
nicht kannte. Ich bin daran gewachsen, im Zeitlupentempo meine Ängste zu
überwinden und das erste Mal bewusst einen Mann zu verführen, den ich
wollte und der sich von meiner Lust anstecken ließ.

Ich freue mich auf den nächsten, hoffentlich schönen Sex. Ich kenne mich
jetzt gut genug, um zu wissen, welche Voraussetzungen ich dafür brauche.\\
Kürzlich bekam ich zu meiner Überraschung das Angebot eines Freundes,
mit ihm Sex zu haben. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, denn er
hat mir erzählt, dass er sehr experimentierfreudig ist. Aber: Ich wäre
mal wieder nicht die Hauptfigur gewesen; er hat eine Freundin, die
informiert und einverstanden gewesen wäre. Und: Ich begehre ihn nicht,
obwohl er attraktiv ist. Also habe ich dankend abgelehnt. Die Ansprüche
steigen mit den Erfahrungen.

\question{Platz für deine biografische Skizze: Was hast du von oder an deinen Sexpartner*innen über deine eigene Lust gelernt?}
\Zeilen{47}
