\story{Ich hab mit ihr über Sex geredet}

\quote{Ich bin Sabina Spielrein}, sage ich.\\
Ich sitze im Büro der Oberärztin. Vor mir steht ein Waschbecken, darauf
Desinfektionsmittel. Auf dem Beratungstisch neben mir steht noch die
Weihnachtsdeko. Ich habe der Ärztin mal ein Kompliment für ihr fancy
Make-up gemacht.\\
\quote{Sie haben tollen Glitzer, wollte ich noch sagen, das steht Ihnen
  gut!}, sagte ich am Ende der ersten Visite.\\
\quote{Oh, danke!}, sagte sie überrascht. \quote{Das ist eigentlich von
  der Weihnachtskugel, die färbt ab. Nehmen Sie sich auch was!}\\
Ich fasste da auch dran und lief den Tag mit Glitzer im Gesicht herum.
In der Psychiatrie braucht man die kleinen Dinge.

Ich nestle heute wieder daran herum.\\
\quote{Ist das eine Zwangsstörung?}, frage ich und rücke ihre Deko
gerade.\\
\quote{Nein, ist es nicht. Ich weiß schon, ich will nur, dass ihr Büro
ordentlich ist}, beantworte ich mir selbst die Frage. Verlegen
smalltalke ich herum. Irgendwann lenkt sie das Gespräch auf den Grund
meines Besuchs und ich presse hervor: \quote{Ist das eine Zwangsstörung,
wenn man an Sex denkt, wenn ein attraktiver Mensch im Raum ist?}
Konzentriert schaue ich in das Regal vor mir, das erstaunlich leer ist.
Keine Fachbücher, keine Deko, keine Skelett- oder Gehirnmodelle, nur
zwei Aktenordner. Ich käme mir vor wie Carl Gustav Jungs exaltierte
erste Patientin Spielrein, erläutere ich. Die mit den hysterischen
Anfällen, weil sie mit ihrer Sexualität nicht im Reinen ist, oder so
ähnlich.\\
Ich kann sie nicht ansehen, wie sie da sitzt, in ihrer üppigen
Tigerfelljacke, Typus fesche westdeutsche Frau mittleren Alters, Typus
konfrontative Psychiaterin, die keine Angst vor dem Es hat. Sie ist der
verfluchte Säbelzahntiger, denke ich, den die Psychologie immer bemüht,
um Stressreaktionen zu erklären.\\
\quote{Das sind keine Zwangsgedanken, das sind Grundbedürfnisse},
erklärt sie. So geradeheraus, wie ihr Blick.

Was ich aber habe, ist eine Schamstörung.\\
Ich werde hier wegen einer Erkrankung behandelt, die mir einredet, ich
müsse mich für alles, wirklich alles, schämen. Für meine Existenz.\\
Unter all den Tabus in meiner Familie war DAS das unanständigste und
unsagbarste Thema überhaupt. Es wurde nicht über Sex gesprochen. Nicht
über Körper, nicht über Gefühle. Ich bin in einem alles subtil
durchziehenden Katholizismus aufgewachsen. Sogar über das
Nicht-Darüber-Sprechen wurde nicht gesprochen.
Bis heute bedecken mich zehn Schichten Scham.\\
Über Sexualität, dieses seit Jahrhunderten restriktivste Thema: Never
kann ich heute darüber mit einer Autoritätsfigur sprechen, die qua Beruf
(Ärzt:innen!) und qua Alter (meiner Mutter!) eine Respektsperson ist.\\
Meine Psychologin, die mich neben der Oberärztin in dieser Klinik
therapiert, sagte, ich müsse das Es mehr zulassen. Spüren Sie Ihren
Körper.\\
Wenn ich darüber rede, muss ich mich weg, weg, wegmachen, wegdenken.
Mein Körper verbrennt von innen.

Jetzt sitze ich vor der Oberärztin und schäme mich genug für zehn
Pferde.\\
\quote{Was ist los?}, beginnt die Oberärztin das Krisengespräch.\\
Ich erzähle von Selbstekel und davon, dass ich das Gefühl habe, meinen
Körper nicht ertragen zu können und mich wegbeamen zu müssen.
\quote{Durch die Therapien hier habe ich gelernt, meinen Körper zu
spüren, aber ich kann das nicht ertragen.}\\
Letztens, in der Ergotherapie. Dieser weiche, breite Sessel für
extrabreite Leute. Ich faltete meine bestrumpften Beine hinein. Das
behagliche Polster war mir noch nie aufgefallen. Die orangene
Hässlichkeit des abwischbaren Kunstleders, das schon mit ergo-typischen
Farbklecksen besprenkelt ist. Aber so viel Platz darauf … Einsinken …
Wohlgefühl machte sich in meinem Körper breit. Das also, dachte ich,
ist es, einen Körper zu haben.\\
Ich erzähle ihr von dieser Szene, und außerdem davon, was ich in meinem
Bauch gespürt habe, als mir bewusst wurde, dass ich diesen einen
Mitpatienten anziehend finde. Ich komme mir vor wie ein Teenie. Süße
Typen. Please.\\
Die Ärztin sitzt da und schaut mich an.\\
\quote{Ich habe Angst, die Kontrolle zu verlieren.}\\
\quote{Sie verlieren nicht die Kontrolle.}\\
Ich habe wirklich einen Hang zum 19. Jahrhundert. Letztens habe ich mir
zarte Schnürstiefelchen gekauft. Vor meinem inneren Auge ploppt die
rasende Keira Knightley in ihrer Verfilmung der Spielrein auf.\\
\quote{Ich habe Angst, Männer im Flur anzuspringen, die ich hübsch
  finde}, setze ich nach. \quote{Ich spüre diese Gefühle gerade so
  deutlich.}\\
\quote{Das wird nicht passieren.}\\
\quote{Ich fühle mich wie eine Frau aus dem Jahr 1900: Hysterisch.
Verklemmt. Beschämt. Krank. Schamkrank. Mein Körper spricht stattdessen
  und windet sich.}\\
\quote{Darf man das denn nicht? Sich Sexualität wünschen?}, fragt die
Ärztin.\\
\quote{Doch. Alle anderen dürfen das. Ich nicht. Das ist für mich
  irgendwie nicht vorgesehen.}\\
\quote{Na klar, Sie können etwas Besonderes sein. Aber wollen Sie denn
  etwas Besonderes sein? Zu welchem Preis?}\\
\quote{Ich darf das einfach nicht!}, versuche ich, ihr meine inneren
Zwänge zu vermitteln.\\
Währenddessen verkrampft mein Körper in alle Richtungen, ich habe
Zuckungen. Die Scham entlädt sich mittlerweile in körperlichen
Symptomen. Mein Körper will die Kontrolle über die Dinge, er will etwas
durchsetzen, was ich nicht einmal denken darf. Hysterie ist doch
oldschool und verpönt. Wie ein Tier wirft es mich herum. Über-Ich, lass
jetzt bitte mal locker. Ich erkläre ihr, dass ich meine Jugend damals
quasi übersprungen habe. Ich zerkaue meine Lippen.

Ich hab mit der Oberärztin über Sex geredet. Diesen Satz knalle ich
meinen Freunden hin, wie heiße Ware. Es gibt diese Kategorie Mensch,
denen ich unkompliziert vertraue. Und dann gibt es die
Autoritätsfiguren, die Schambesetzten, Mütter, Ältere, Respektspersonen,
heiße Typen. Die sind die andere Kategorie. Da zerfließe ich. Bei denen
habe ich immer eine Schutzschicht an.

Ich kann diesen einen Satz, später am Tag, nicht einmal zu meiner
Psychotherapeutin sagen.\\
Es. Geht. Nicht. So sehr ist dieses Thema verschämt. Mein Mund
klemmt.\\
Bis zur Entlassung konnte ich diesen Satz nicht zu ihr sagen:
\quote{Ich habe mit ihr über Sex gesprochen.} Übrigens.

Während ich nun im Zimmer der Oberärztin so an meinem Schamgrab
schaufele, jede Zelle in sich selbst verdreht, sage ich, dass ich mit
Freundinnen natürlich über diese Dinge rede. Beim Sprechen stützt sie
den Kopf in die Hand auf ihrer Rückenlehne und hört aufmerksam zu.\\
\quote{Ich meine, es ist ja nicht so, dass ich noch nie Sex hatte, und
  auch nicht so, dass ich noch nie darüber geredet habe.}\\
Aber nicht mit meiner Oberärztin.\\
\quote{Aber nicht mit meiner Oberärztin!}, versuche ich ihr verständlich
zu machen. Mit Händen und Füßen setze ich ihr meine
Übertragungsmechanismen auseinander.\\
Mutterfigur.\\
Eigentlich finde ich Frauen mit langen Haaren ab einem gewissen Alter
irgendwie peinlich. Aber als ihr goldblondes Haar über ihr It-Piece von
einer Felljacke und ihren feschen Gürtel fällt, denke ich: Das ist eine
Frau, die sich in ihrem Körper wohlfühlt. Ich spüre Anziehung und habe
plötzlich Angst, sie höchstselbst anzufallen.\\
Mein Körper regt sich. Wirft Blasen.\\
Ihr Blick ruht auf mir.\\
\quote{Es ist ganz normal, darüber zu reden}, sagt sie. Wie hunderte
Mütter vor ihr. Nur, dass sie nicht meine Mutter ist. Etwas heilt in
mir.\\
\quote{Sie haben so viel Energie}, sagt sie. \quote{Ich sage Ihnen das
  jetzt nicht als Therapeutin, sondern von Frau zu Frau: Lassen Sie das
  zu.}\\
Während ich in alle Ecken des Raumes schaue – nicht! ihr! in! die!
Augen! – auf der Behandlungsliege liegen Dokumente und draußen schneit
es, da zieht das Zaubergefühl auf. Das kommt in den letzten Tagen öfter
vor. Der Vorhang öffnet sich und mein Bewusstsein wird wach. Ich bin da.
Ich senke die Schultern und tauche unter einer Eisschicht hervor.\\
Der Glimpse of Wirklichkeit.\\
\quote{Es tut gut, mit Ihnen zu reden, auch wenn es ungeheuer schwer
ist. Und ich will dabei ich selbst sein. Ich selbst. Mal nicht
dissoziieren. Keine Persona sein. Wie sonst immer. Nicht jemand anderes.
Die Maske abnehmen. Ich selbst sein dürfen.}\\
Sie nickt zufrieden. So.

Beim nächsten Mal in der Ergotherapie kann ich den süßen Typen nicht
ansprechen, ich kann ihn auch nicht anschauen. Ich habe mir einen
Stufenplan für meine private Expositionstherapie gemacht. Ich will das
zulassen. Mein In-Vivo-Experiment sieht für heute vor, nicht nur meinen
Korb zu flechten, sondern auch das heiße Wachs auszuhalten, das sich in
meinem Bauch ausbreitet, wenn er im selben Raum ist. Nur aushalten. Und
da sein. Ich schaffe es, nicht zu dissoziieren, die Farben im Raum zu
sehen, die Menschen und meinen Körper wach auszuhalten.\\
Das Wachs tropft ab.\\
Und ich weiß, dass ich auch die nächsten Stufen noch hinkriege. Ein paar
Tage später kann ich ihn ansehen, ohne zu zerspringen. Zwei Wochen
danach schaffe ich es, zwei unverbindliche Sätze mit ihm zu wechseln.
Bei meiner Entlassung stecke ich ihm ein Zettelchen mit meiner Nummer
zu.

Ich hab mit ihr über Sex geredet. Und ich war da.

\question{Welche Rolle hat Sex in deinem Elternhaus gespielt?}
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\question{Wo begegnet dir deine Scham?}
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\question{Wie fühlst du dich damit, Personen aktiv anzuflirten?}
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