\story{Wenn ich wirklich will}

Ich stand in einem Kreis, ca. 100 Augenpaare auf mich gerichtet, und ich
teilte etwas, das ich so zuvor noch nie in Worte gefasst hatte: Ich
fühle öfters nichts beim Sex. Und ich schäme mich dafür. Mein
Selbstbild: Ich bin eine lustvolle Frau, sexuell offen. Die Realität:
Ich mach mir ganz schön viel Druck, diesem Bild zu entsprechen.

Nach dem Sharing kamen Frauen zu mir, die erzählten, dass es ihnen ganz
ähnlich ginge. Dass manchmal alles wie abgeschnitten wäre da unten,
egal, wie ihr Partner sich gerade bemühen würde. Das war unglaublich
erleichternd für mich. Klar, ich hatte in Büchern davon gelesen, dass es
vielen Frauen so geht, aber es hier auf einem sexpositiven Event von
einem Haufen offener, sexy, frecher, freier Menschen zu hören, das
berührte mich anders.\\
Und noch etwas teilten verschiedene Frauen mit
mir, das ich von mir selbst nur allzu gut kenne: Die Magie des
richtigen Timings. Wie oft nehmen wir uns wirklich die Zeit, zu 100\,\%
bereit für penetrativen Sex zu sein? Die meiste Zeit meines Lebens habe
ich schon viel eher Ja gesagt. Bei 50\,\% Bereitschaft vielleicht, weil
ich wollte ja auch, dass mein Freund genug Sex bekommt. Ich bin feucht?
Ja, dann bin ich wohl bereit. Alles für die Harmonie in der
Partnerschaft. Dass sich mein Körper windet und jede Faser in mir
\quote{Ja} schreit, ist doch auch eine bisschen arg hohe Anforderung,
oder? Ich meine, wie selten würde es dann werden? Werde ich dann nicht
verlassen?

Und doch sind es diese sexuellen Erlebnisse, die mir am leuchtendsten
in Erinnerung geblieben sind: Ein Spannungsaufbau über mehrere Tage, und
als ich wirklich bereit war, seinen dicken Penis in mich aufzunehmen und
langsam die Dehnung meiner Vagina spürte, durchströmten mich sofort
intensivste Orgasmuswellen.

Dann war da ein anderer Penis, er war eher schmal gebaut. Früher dachte
ich, ich brauche dicke, große Penisse, um wirklich viel zu fühlen. Wir
hatten den ganzen Tag rumgemacht. Er machte keine Anstalten, irgendetwas
Richtung Penetration zu eskalieren, so übernahm meine Lust irgendwann
die Initiative. Ich setzte mich auf ihn und spürte so viel Lebendigkeit
in meiner Vagina, als ich ihn ritt. Es war wahnsinnig schön.

Es gibt noch mehr dieser besonderen Erlebnisse. Sie haben eines
gemeinsam: Langsamkeit. Der Mann hat nicht gepusht, ich hatte richtig
Zeit, um mein Wollen zu fühlen. Und diese Erlebnisse sind so viel
wertvoller als der gesamte 50-Prozent-Sex zusammen.

Mich auf diesem Event mit diesem Thema zu zeigen, hat etwas in mir
verändert. Ich konnte nicht mehr zurückkehren nach Hause, in meine
Beziehung, und mit dieser Lüge weiterleben. Ich hatte mich erwischt.
Zwischen mir und diesem Mann, den ich begehrte, hatte sich eine Art
Routine eingeschlichen. Am Anfang war es heiß und intensiv, und ich
liebte alles daran, wie wir uns sexuell begegneten. Dann kamen der Druck
und die Erwartungen. Ich wollte ihm gefallen, und spielte meine Rolle
als lustvolle Frau so gut, dass ich es selbst fast glaubte. Er fickte
mich, und ich stöhnte, obwohl ich gar nichts spürte. Es war auch nicht
unangenehm, ich war feucht, es war ein mechanisches Rein- und
Rausgleiten. Es war verdammt wenig, was dieser eigentlich so intime Akt
mit mir machte, und so suchte ich das längst überfällige Gespräch, und
ich habe wieder begonnen, nach meiner Wahrheit und meinem Gefühl zu
suchen.

Seit dem Event hatte ich vielleicht noch ein- oder zweimal einen Penis
in meiner Vagina, habe es aber abgebrochen, weil ich nicht genug gefühlt
habe. Manchmal hatte ich auch wirklich Lust auf einen Schwanz in mir.
Wenn ich mir wirklich viel Zeit lasse und mit meinem Gegenüber in einem
Spiel verschmelze, das überhaupt nicht irgendwohin will, passiert es
oft, dass mich immer neue Wellen der Lust überrollen und ich mich
absolut bereit fühle, einen Penis in mich aufzunehmen. Dann sind aber
oft die Penisse furchtbar nervös und machen einen Rückzieher, indem sie
plötzlich ganz weich werden. Es scheint mir, als wäre es ein echter
Tanz, zwei Genitalien zusammenzubringen, die beide gerade 100\,\% Bock
auf Verschmelzung haben. Zum Glück gibt es noch sehr viel andere
spannende Dinge zum Ausprobieren.

\question{Bleiben deine Genitalien manchmal stumm?}
\Zeilen{16}

\question{Wie viel Zeit brauchst du, um ein starkes Verlangen zu spüren, etwas in deine Vagina aufzunehmen?}
\Zeilen{15}

\question{Gibt es Teile in deinem Sexleben, die routiniert sind, aus denen du rausgewachsen bist?}
\Zeilen{15}
