\story{Zwischeninventur und Bilanz}

Jena, 19.02.2026

Ich bin einzigartig.\\
Ich bin selbstbewusst.\\
Ich bin schön.\\
Ich bin stark.\\
Ich bin wertvoll.\\
Ich bin liebenswert.\\
… manchmal, aber nicht immer.\\

Heute lege ich diese kalenderwürdigen Affirmationen einmal gedanklich
beiseite, entkleide meine Seele und frage mich ganz offen: Fühle ich
mich tatsächlich so?\\
Bevor ich meine zwei Kinder auf die Welt brachte, hätte ich diese Frage
wahrscheinlich anders beantwortet als heute. Die vergangenen Jahre haben
ihre Spuren hinterlassen und allmählich begreife ich, dass ich mich von
dem Gedanken verabschieden muss, jemals wieder zu der Frau
zurückzufinden, die ich einmal war.

Heute fühle ich mich nicht unbedingt schön, wenn ich eine Woche lang
nicht geduscht habe, meine Röllchen am Bauch im Spiegel betrachte, wenn
ich mir seit drei Wochen nicht mehr die Beine rasiert habe und seit
eineinhalb Jahren nicht mehr beim Friseur war.

Ich fühle mich nicht stark, wenn mir der Stress und die Lautstärke über
den Kopf wachsen und wenn ich manchmal einfach nur mitschreien oder
weinen möchte. Oder wenn ich manchmal selbst nicht die Kraft habe, mein
Leben in die Hand zu nehmen, Sport zu treiben, auf meine Ernährung zu
achten und für mich zu sorgen.

Ich fühle mich nicht erotisch, wenn ich – etwas müffelnd – halbnackt mit
meinem Baby an der Brust durch die Wohnung husche, auch wenn mein
Partner mir dabei gerne Küsschen und Umarmungen schenkt. Mit zwei
anhänglichen Mama-Kindern bin ich stets belegt von mindestens einem
Körper, der meine Nähe spüren möchte, meistens sind es zwei. Bevor mich
wieder eine Sehnsucht nach Intimität und Erotik antreibt, muss ich
meinen Körper erst wieder spüren lernen.\\
Trotzdem fühle ich mich meinem Partner eng verbunden. Als eingespieltes
Team können wir uns vollkommen aufeinander verlassen, bleiben uns
emotional ganz nah und verhalten uns selbst in stressigen Situationen
liebevoll zueinander.

Ich bin nicht selbstbewusst, weil ich die Last meiner Verantwortung
spüre. Wenn ich mit meinen Ängsten kämpfe, dass ich meinen Kindern mit
meinen Handlungen und meinen Gewohnheiten unabsichtlich einen Weg
vorgebe, der ihnen langfristig nicht guttut.

Ich fühle mich geliebt, nehme mir aber viel zu selten Zeit für
Selbstliebe. Meine Wohnung spiegelt mein Inneres wider: Sie ist ein
bisschen zu chaotisch und die ein oder andere Ecke lässt eine gewisse
Vernachlässigung vermuten. Doch sie ist auch voller Leben und bunter
Momente.

Mutter zu sein hat meinen Blick auf das, was mir wichtig ist, über Jahre
hinweg verändert. Einige Überbleibsel aus früheren Zeiten halten sich
noch verzweifelt in meinem Selbstbild fest. Ich möchte wieder so schlank
sein wie früher, mehr Selbstbestimmung und Kontrolle über mein Leben
empfinden und wieder spontan und unabhängig sein. Allmählich spüre ich
jedoch, dass es daneben noch einer anderen Priorisierung bedarf. Die
Kinder haben mich verändert, aber ich habe mich aus Liebe zu ihnen auch
bewusst für diesen Weg entschieden.\\
So fühlt es sich zum Beispiel manchmal kaum noch so an, als gehöre mein
Körper ganz allein mir. Natürlich steht es mir frei, zu entscheiden,
wann ich welchen Menschen an mich heranlasse. Doch gleichzeitig merke
ich instinktiv, dass die Erziehung meiner Kinder in den ersten
Lebensjahren vor allem körperlich stattfindet und nicht nur mit Worten.
Im Alltag bedeutet das: Rund um die Uhr tragen, trösten, kuscheln und
stillen. Aber das geschieht ganz natürlich. Wenn ich ganz tief in mich
hineinhöre, dann spüre ich meine Kinder nämlich immer noch als Teil von
mir – als würde uns weiterhin eine unsichtbare Nabelschnur verbinden.
Darum möchte ich es gar nicht anders.

Eine Mutter zu sein, hat mich aber auch viel stärker gemacht und Seiten
in mir hervorgerufen, die ich vorher nicht kannte – nicht nur Geduld,
Organisationstalent und Liebe, sondern auch körperliche Stärke und ein
bombenfestes Selbstbewusstsein. Ich kann Stress und Schmerzen aushalten,
die mir vorher unvorstellbar waren.\\
Ich bin stark, wenn ich nicht zurückschreie, sondern tief durchatme,
mein Kind fest in den Arm nehme und ihm mit ruhigen Fragen dabei helfe,
mit seinen Gefühlen umzugehen.\\
Und manchmal, wenn mir der Kopf unter der mentalen Belastung raucht,
macht sich Stolz in mir breit, dass ich an alles gedacht und für alle
Eventualitäten gewappnet bin.

Ich könnte auch nicht stolzer auf meinen Körper sein. Er war meinen
Babys über neun Monate hinweg das perfekte Zuhause und versorgte sie
mit allem, was sie brauchten, um sich zu gesunden, niedlichen, kleinen
Menschen zu entwickeln. Er ernährt meine Kleinen nicht nur jahrelang,
sondern bietet ihnen auch einen einzigartigen, sicheren Zufluchtsort.
Egal, ob meine Kinder Angst haben, ob ihnen alles zu viel wird, ob sie
wütend sind, sich krank fühlen oder sich wehgetan haben – auf meinem
Schoß, an meiner Brust, unter meinen Küssen, inmitten meiner Umarmungen
und oft einfach nur durch meine bloße Anwesenheit, wird ihre Welt
plötzlich ruhig und ganz friedlich. Ein sicherer Hafen, in dem sie
jederzeit Liebe finden.

In diesem Moment gibt es für sie keinen Ort auf dieser Welt, an dem sie
lieber wären. In den Augen meiner Kinder bin ich wunderschön, denn sie
sehen in meinem weichen Körper, meinem schwabbeligen Bauch, meinen etwas
hängenden Brüsten und meinem Geruch etwas ganz anderes als ich: Für sie
bin ich der Anker dieser Welt, ihr Zuhause, ihre Zuflucht.\\
Auch wenn es mir nicht immer leichtfällt, meinen Körper zu akzeptieren,
bin ich für meine Kinder perfekt und unersetzbar. Noch nie fühlte ich
mich so wertvoll wie in der Rolle als Mutter.

Nun also die Bilanz: Ich bin oft nicht die, die ich sein möchte. Ich bin
alles andere als perfekt und habe viele Schwächen. Aber ich bin mit viel
Liebe immer für meine Familie da. Mit diesem Urvertrauen werden meine
Kinder eines Tages selbst eine gesunde Beziehung zu sich und anderen
Menschen aufbauen können.\\
Ich bin schön, stark, attraktiv und selbstbewusst – aber auf eine andere
Art und Weise als früher. Diese geht in eine neue Dimension und zeugt
von einer tiefen, bedingungslosen und gegenseitigen Liebe und
Wertschätzung. Für drei Menschen auf dieser Welt bin ich vollkommen,
liebenswert, unentbehrlich und wertvoll.\\
Das alles ist mir nicht immer bewusst. Aber genau dafür ist eine
Inventur ja gut.

Zum Schluss frage ich mich dennoch: Wo bleibt das Empowerment, der
Feminismus? Bin ich \quote{nur} eine weitere Frau, die ihren eigenen
Wert darin definiert, wie gut sie Kinder aufzieht und was diese und ihr
Partner von ihr halten? Darauf werde ich vorerst keine abschließende
Antwort geben können, sondern nur eine Momentaufnahme. Solange ich so
kleine, bedürftige Kinder habe, dreht sich meine Welt mehr um sie als
um mich. Die Rolle als Mutter empowert und erfüllt mich auf eine ganz
eigene Art, und dafür habe ich mich bewusst entschieden. Es wird die
Zeit kommen – in ein paar Jahren –, in der die Kinder beginnen, ihre
eigenen Wege zu gehen, und in der ich mich wieder mehr mit mir
beschäftigen kann. Wenn es soweit ist, werde ich bestimmt eine neue
Version von mir kennenlernen.\\
Dann wird es Zeit für die nächste Inventur.

\question{Ständige Körper die an einem kleben, kennst du dieses Gefühl des Overtouched sein?}
\Zeilen{15}

\question{Was leistet dein Körper alles, wofür du ihn lieben kannst?}
\Zeilen{16}

\question{Was in deinem Leben ist einfach wichtiger als Sex?}
\Zeilen{16}
