\story{Tauschen ist nicht}

Ich war Mitte 20, als ich mit dem Vater meiner Kinder zusammenkam. Die
Beziehung hat ein volles Jahrzehnt gehalten. In dieser Zeit habe ich
gelernt, wozu mein Körper fähig ist. Er hat zwei Schwangerschaften
gemeistert, meine Babys ernährt, getröstet und mir ermöglicht, sie zu
versorgen. Ich war stolz darauf und unendlich dankbar. Welch ein
Wunderwerk der Natur. Tja.

Das interessiert den Mann, der mich gerade zum ersten Mal auszieht,
allerdings herzlich wenig. Er sieht nur den aktuellen Zustand, und ich
bin mir plötzlich jedes Makels sehr bewusst. Älter, ausgezehrt von der
Trennung, dem üblichen Spagat zwischen Job, kleinen Kindern und sozialen
Verpflichtungen. In meinem Kopf blinkt eine Frage auf: Sollte ich mich
schämen?\\
Für all die Spuren an meinem Körper? Dafür, dass ich meine Kinder mit
ihrem Vater zu Hause lasse, während ich mich hier auf primitivste Weise
vergnüge? Wie kann ich es wagen, mehr zu wollen als die Rolle der
aufopferungsvollen Mutter? Und das auch noch so kurz nach der Trennung?

Ich habe an diesem Abend nicht mit ihm geschlafen. Auch an den
darauffolgenden nicht.

Gerne würde ich jetzt beschreiben, wie ich diese Stimmen schlussendlich
mit Selbstbewusstsein und Vernunft zum Schweigen gebracht habe. Doch die
Wahrheit ist: Die Gier war irgendwann stärker als die Scheu. Es tat gut,
mich an seine Brust zu kuscheln und meine Fingernägel in seinen starken
Rücken zu graben.

Natürlich kamen die Gedanken später zurück, und mit ihnen das Gefühl,
nicht richtig zu sein. Außerdem fühlte ich mich verurteilt, ohne sagen
zu können, von wem eigentlich. In so einer Situation mit einem Mann zu
schlafen, der ganz klar nicht die Liebe meines Lebens sein wird – das
kann doch nicht okay sein.

Gibt es eigentlich einen Online-Rechner für gesellschaftskonformen Sex?
Dann gebe ich einfach sämtliche Rahmenbedingungen ein und erfahre, wann
ich mit wem schlafen darf und wie, ohne gegen die guten Sitten zu
verstoßen.

Mein Kopf ist zu folgendem Schluss gekommen: Ich habe genau diesen
Körper. Tauschen ist nicht. Und ich kann mit diesem Körper Spaß haben –
oder auch nicht. Das sind meine Optionen. Ich schade niemandem. Ich tue
niemandem Unrecht. Meine Kinder werden von mir immer bekommen, was sie
brauchen, und sonst bin ich niemandem Rechenschaft schuldig.

Vielleicht kommt diese Info auch irgendwann in meiner Gefühlswelt an.

\question{Wie gut kannst du deinen Körper akzeptieren oder lieben?}
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\question{Bestrafst du dich manchmal gedanklich für deine eigene Lust?}
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\question{Wo hast du diesen Gap zwischen einer wichtigen Botschaft, die du zwar im Kopf hast, aber noch nicht in der Gefühlswelt?}
\Zeilen{15}
