\story{JAAA, mit drei A!}

Ich hatte mehrere Partnerschaften. Diese waren toll und liebevoll, und
wir konnten gut miteinander reden. Ich wusste, dass ich Grenzen setzen
und auch \quote{Nein} zu Sex sagen konnte. Das habe ich auch hin und
wieder getan – dann gab es eben keinen Sex. Ich dachte damals also, ich
hätte nur Sex, den ich auch wollte – hatte ich doch schließlich
\quote{Ja} gesagt.

Trotzdem hatte ich immer weniger Lust auf Sex. Ich fand Gründe, schob es
u.\,a. auf Stress, doch ich wusste, das war nicht alles. So begann ich,
tiefer zu reflektieren, warum ich eigentlich \quote{Ja} sagte. Und ich
stieß darauf, dass ich manchmal nur Erwartungen erfüllte. Da waren
unter anderem gesellschaftliche: In z.\,B. Liebesfilmen und Büchern hatte
ich gelernt, ich sollte oft Sex haben wollen. Und manchmal war auch
meine Partnerperson traurig, wenn wir keinen Sex hatten – das wollte ich
nicht, und habe dann doch \quote{Ja} gesagt.

Über die Jahre habe ich mich immer mehr mit sexueller Selbstbestimmung
und körperlichen wie auch emotionalen Grenzen beschäftigt. So habe ich
gelernt, dass die Traurigkeit, die bei meiner Partnerperson durch die
Ablehnung von Sex entsteht, nicht in meiner Verantwortung liegt. Ich bin
auf ein Modell gestoßen, das mein Verständnis von Consent geprägt hat:
Das Consent Continuum von Body Safety Australia. Consent ist kein
Entweder-Oder-Ding, mit einvernehmlichem Sex auf der einen Seite oder
Vergewaltigung auf der anderen Seite. Echter Konsens ist ein Zustand, in
dem beide Personen etwas ganz ohne Beeinflussung von außen tun möchten,
und auch beide darauf achten, dass dies der Fall ist.

Was es aber auch gibt: \quote{Jemand nimmt das Nein hin, hat aber
  schlechte Laune}, oder: \quote{Jemand möchte, dass du dich
  rechtfertigst, und setzt dich mit wiederholtem Fragen unter Druck.}
Viele Situationen, die ich früher als Consent wahrgenommen habe, waren
nach dieser Sichtweise eigentlich nur Compliance, also das Erfüllen von
Erwartungen.

Heute weiß ich: Meine Lust gehört mir. Meine Unlust gehört ebenfalls
mir. Und nicht den Bedürfnissen oder Launen einer anderen Person. Meine
Selbstbestimmung steht nicht zur Debatte. Sie gehört mir allein.

Daher habe ich für mich \quote{Nur JAAA heißt Ja} eingeführt. Nur ein
ganz enthusiastisches \quote{JAAA} mit drei A ist wirklich ein Ja.
\quote{Ja, ich habe Lust auf Sex mit dir, und ja, ich fühle mich gerade
  danach, Sex zu haben, und ja, die Umgebungsbedingungen passen auch
  alle} (z.\,B. Ort, Zeit, Temperatur, …).

Die Differenzierung zwischen einem \quote{Ja} und einem \quote{JAAA} hat
mir persönlich geholfen, die Komplexität meiner Situation besser zu
beschreiben. Ich kann nun sagen: \quote{Ja, ich habe Lust auf Sex mit
  dir, UND bin gleichzeitig müde/abgelenkt/emotional …}, und das ist
wiederum kein enthusiastisches JAAA, und dann gibt es auch keinen Sex.
Mit jedem Mal habe ich ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was
ich in der Situation brauche (zum Beispiel die Heizung anmachen, erst
einmal etwas essen, Quality Time, Sensualität usw.). Ich schaue
außerdem, wozu genau ich JAAA sagen kann und möchte – vielleicht mag ich
in einem Moment gerade Intimität und Sinnlichkeit, aber gerade keine
sexuellen Berührungen. Diese körperliche Verbundenheit, die sich nicht
auf Sex beschränkt, schafft für mich viel zwischenmenschliche Nähe.

Was hat sich dadurch verändert? Ein \quote{Nein} (bzw. ein Ja, das keine
drei As hat) fühlt sich weniger nach Ablehnung einer Person an. Es ist
vielleicht eher ein \quote{Nein} zu den Umgebungsbedingungen, und das
auszusprechen, fällt mir deutlich leichter. Die Frage, ob ich Sex mit
dieser Person möchte, ist die eine Sache. Gleichzeitig ist es ebenfalls
wichtig, ob ich in diesem Moment überhaupt Sex haben möchte und kann.

\question{Wie fühlt es sich an, andere Formen von körperlicher Nähe vorzuschlagen und sie als gleichberechtigt zu Sex zu behandeln?}
\Zeilen{15}

\question{Was hält mich davon ab \quote{Nein} zu sagen?}
\Zeilen{16}

\question{Was bräuchte ich für ein enthusiastisches \quote{JAAA}?}
\Zeilen{16}
