\chright{Aufruf zur sexuellen Meuterei}

Stell dir eine Frau vor, die du bewunderst. Sie hat eine großartige
Ausstrahlung, vielleicht findest du sie anziehend, tiefgründig,
witzig. Und dann erzählt dir diese Frau von ihren sexuellen
Problemen. Und du denkst: Oh. Das ist auch meine Geschichte.

Ein ganz ähnlicher Moment hat mich zu dieser Meuterei inspiriert.

Sexualität ist in unserer Gesellschaft so allgegenwärtig, dass man
fast vergessen könnte, was für ein riesiges Tabu sie gleichzeitig
ist. Und zu den größten Tabus gehört Sex, der nicht
\quote{funktioniert}. Sex, der nicht stattfindet. Orgasmen, die zu
früh oder zu spät kommen. Penisse, die weich bleiben und eine Vagina,
die keine Lust hat, einen Penis aufzunehmen. Vielleicht reagiert der
Körper ganz anders als erwartet. Eine Berührung ist nicht so angenehm
wie gedacht und dazu ist es manchmal noch schwer, Feedback zu
geben. Es gibt unglaublich viele Gründe, warum Sex nicht nach Plan
funktioniert. Und wenn das so ist, fühlt es sich schnell an wie ein
persönliches Versagen.

Das hier ist eine Meuterei gegen das Funktionieren. Sex sollte doch
etwas Freies und Genussvolles sein, wild oder sanft, achtsam oder
stürmisch. Zwar können wir uns Abende für Intimität einplanen, aber
was genau passiert und wie es sich anfühlt, erscheint doch nie 100\,\%
planbar. Ein besonderes, magisches Chaos, das uns in ganz
unterschiedliche Zustände bringen kann – wenn wir uns denn erlauben,
echt zu sein.

Aber schauen wir uns nochmal das Funktionieren an. Warum ist die
weibliche Sexualität so davon betroffen? Wie in unserer Gesellschaft
üblich, wird die Welt ja zunächst von Männern erklärt – und auch die
Sexualforschung ist davon gezeichnet. Die weibliche Sexualität sollte
also so ähnlich funktionieren, so war lange der Stand von Lehrbüchern
und Wissenschaft. Erst nach und nach entwickelten
Sexualwissenschaftlerinnen alternative Modelle und lieferten Daten,
dass weibliche Sexualität auch anders ablaufen könnte. Vielleicht ist
es gar nicht so, dass große Teile der weiblichen Bevölkerung laut
Diagnosekriterien \quote{kaputt} oder \quote{krank} sind, weil sie
z. B. keinen Zugang zu ihrer sexuellen Lust haben. Vielleicht
verbreiten wir hier nur verdammt komische Erwartungen.

Dieses Wissen kommt immer mehr in den Köpfen an: wie die Klitoris
wirklich aussieht, welche Rolle sie für die Lust der Frau spielt und
dass Lust verschiedene Formen annehmen und auch eine Antwort auf
emotionale oder körperliche Reize sein kann. Das ist gut, aber nur
weil dieses Wissen vorhanden ist, heißt es noch lange nicht, dass es
auch gefühlt und gelebt wird.

Ich bin ohne dieses Wissen aufgewachsen und dafür mit dem nagenden
Gefühl, dass doch irgendwas falsch läuft bei mir. Weibliche Sexualität
gilt als zu kompliziert. Zu sensibel. Zu langsam. Zu wenig
eindeutig. Wenn da jemand einen Penis in unsere Vagina stecken will,
wieso reicht dafür nicht einfach 15 Minuten Vorspiel? Dieses Gefühl
der Unzulänglichkeit kann dazu führen, dass Frauen sich mehr
verbiegen, um beim Sex den Partner zufriedenzustellen. Viele sagen
gar: \quote{Ich bin zufrieden, wenn er zufrieden ist.} Sex wird zu
einer Leistung, einer weiteren unbezahlten Care-Arbeit.

Was wir lernen: Zu einem glücklichen Leben gehört eine
Partnerschaft. Und zu einer glücklichen Partnerschaft gehört Sex. Wenn
da irgendwas nicht funktioniert, ist das schnell vor allem eins:
peinlich. Und je mehr wir uns schämen, desto unwahrscheinlicher ist
es, dass wir uns jemandem anvertrauen. Das verhindert aber auch die
Chance auf Zuspruch von anderen Menschen, die genau das Gleiche
erleben oder durchlebt haben. Es verhindert den Austausch unter
Frauen, die sich gegenseitig darin bestärken, für ihre Lust und Unlust
einzustehen. Die Scham flüstert uns ein: \quote{Du bist allein damit.}
Und genau darum finde ich es so kraftvoll, unsere Geschichten zu
teilen. Nicht nur die, in denen wir den absoluten Höhenflug hatten,
sondern vor allem auch die, die uns etwas über uns selbst gelehrt
haben. Geschichten, mit denen wir uns verletzlich machen, eben weil
sie nicht nach romantischem Liebesfilm klingen, sondern nach einem
inneren Kampf gegen ätzende Glaubenssätze. Und dieses Buch will ganz
deutlich machen: Diese Glaubenssätze haben wir alle. Nicht alle die
gleichen. Nicht immer sind sie aktiv. Sind wir doch liebevoll
miteinander und meutern gemeinsam gegen sie.

\storyhead{Eine Meuterei gegen das Gefallenwollen}

Die Urgroßmutter aller Glaubenssätze, die Frauen weisgemacht werden,
ist, dass die weibliche Sexualität für den Mann da ist. Die Frau sucht
Liebe und Sicherheit, der Mann ist animalisch und sucht Sex. Hallo?
Ich kann auch animalisch sein.

Diese Wildheit ist ein nettes Gimmick, solange es den Mann bestätigt,
weil er mich wild gemacht hat. Aber eine richtige Frau sollte sich
doch beim Sex eher um die männlichen Bedürfnisse kümmern, um
\quote{Beziehungsmaterial} zu sein. Hier ist eine unvollständige Liste
mit 30 Dingen, die Frauen manchmal tun, um Männern beim Sex zu
gefallen – was hast du davon schon alles gemacht?

\startitemize[packed]
\item Sich zu Sex überreden lassen, den man eigentlich gar nicht will
\item Penetration erlauben, weil ihr jetzt schon angefangen habt
\item Auf ein Kondom verzichten, weil er mit Gummi nichts spürt
\item Deinen Körper aufwendig präparieren, indem du alle Haare
  entfernst, obwohl du eigentlich keinen Bock darauf hattest
\item Stöhnen, obwohl du eigentlich nichts fühlst
\item In anstrengenden Stellungen beim Sex verharren, weil der andere
  sie gerade gut findet, obwohl es sich für dich mehr nach Sportübung
  anfühlt
\item Ihn deine Vulva lecken lassen, obwohl es dir unangenehm war
\item Den Körper so positionieren, dass er beim Sex vorteilhaft
  aussieht
\item Sich etwas nicht wünschen, weil es zu kompliziert sein könnte
\item Für sein Selbstbewusstsein einen Orgasmus faken
\item Uninformiert oder aus Druck die Pille nehmen
\item Die eigenen Bedürfnisse verbergen, weil man ja so cool ist und
  nichts braucht
\item Schmerzen haben, aber sie nicht äußern, z. B. weil er kurz vor
  dem Orgasmus ist und es ja nicht so schlimm ist
\item Ihm nicht zu sagen, dass feucht sein nicht damit gleichzusetzen
  ist, bereit zu sein, einen Penis in sich aufzunehmen
\item Obwohl man ein Nein fühlt, nichts sagen
\item Reizwäsche tragen, wenn man es nicht fühlt
\item Ihm anderweitig einen Orgasmus verschaffen, wenn man keine Lust
  hat
\item Ihn zu Ende machen lassen, obwohl man keine Lust mehr hat
\item Weinen beim oder nach dem Sex unterdrücken, damit er sich keine
  Sorgen macht
\item Stellungen oder andere Dinge ausprobieren, um interessant zu
  wirken
\item So tun, als wäre man kurz vor dem Höhepunkt, um seine Erregung
  zusätzlich zu pushen
\item Ihn nicht bitten, sich zu waschen, um nicht als pingelig zu
  gelten
\item Eine innere Liste führen mit der Zahl, wie oft Sex sein muss,
  und sich dann unter Druck setzen, das auch liefern zu können
\item Kreative Ausreden erfinden, warum man keine Lust hat
\item Ihn nicht unterbrechen, wenn er eine Stelle berührt, die dich
  eigentlich nur kitzelt oder nervt, um \quote{den Flow} nicht zu
  stören
\item Den Bauch einziehen
\item Den eigenen Körper einfach hinhalten und es sich mit \quote{es
  dauert ja nicht lange} schönreden
\item Ihn nicht korrigieren, wenn er deine Vulva oder Vagina viel zu
  grob fingert
\item Dich dafür entschuldigen, dass du deine Tage hast und daher
  keinen Sex liefern kannst
\item Ihm einen Blowjob geben, obwohl du das gerade nicht magst
  \stopitemize

Hier ist Platz für Punkte, die dir wichtig sind und nicht in dieser
Liste vorkommen:

\blank[5mm] \Zeilen{4}

Und jetzt beginnt der Moment der ehrlichen Inventur, wie viel da in
uns haust, wogegen wir ganz dringend meutern sollten. Zähle jetzt
durch: Wie viele dieser Punkte hast du in deinem Leben schon mal
getan? Schreib die Zahl jetzt in dieses Buch und mach es damit zu
deinem eigenen. Zum Anfang von deiner Geschichte der
Meuterei. Vielleicht fühlt es sich verletzlich an, vielleicht
schamvoll. Aber unpersönlicher wird es nicht mehr. Und wenn du den
ersten Strich in dieses Buch gemalt hast, wird jeder weitere
einfacher.

\blank[5mm] \startalign[middle]
\blackrule[width=5cm,height=\linewidth,depth=0,color=RAL9007]
\stopalign

Bei dieser Meuterei geht es darum, sichtbar zu werden. Darum ist es
wunderbar, wenn du deine Zahl hier aufschreibst. Und wenn du diese
Bewegung unterstützen und noch sichtbarer werden willst, kannst du
deine Zahl auch noch hier teilen und sehen, welche Zahl andere Frauen
haben und wie viele schon Teil dieser Bewegung sind:

\placefigurenolabel[force,middle]
  {\it https://erotivity.de/mitmeutern}
  {\externalfigure[mitmeutern.pdf][width=3cm]}

Manche von uns haben hohe Zahlen, das ändert nichts an unserem
Wert. Es bedeutet: Da ist uns eine große Anzahl von negativen
Glaubenssätzen eingetrichtert worden. Vielleicht waren wir besonders
anfällig dafür, sie aufzunehmen, da Liebe und Zuneigung in unserem
Leben Mangelware waren. Es bedeutet auch: Da ist viel aufzuräumen; wir
sollten besonders lieb mit uns sein, wenn wir in alte Muster
zurückfallen. Wir sollten geduldig mit uns sein, es braucht seine
Zeit.

Manche von uns haben niedrige Zahlen. Das könnte dafür sprechen, dass
wir mit einem guten Selbstvertrauen aufgewachsen sind und gelernt
haben, auf uns selbst zu achten. Dass wir nicht nur durch Medien und
schambehafteten Aufklärungsunterricht gelernt haben, was Sex ist. Das
ist wünschenswert. Im besten Fall steht da einfach eine 0. Dann ist
die Meuterei im Inneren schon bestens gelungen und du kannst andere
Frauen zum Aufruhr anstiften.

Vielleicht steckst du schon mitten in deiner Meuterei, hast schon viel
innere Aufräumarbeit geleistet, vielleicht ist das auch gerade erst
der Anfang. Es kann auch sein, dass da noch die verinnerlichten
Stimmen des Patriarchats in dir sind, die sagen: \quote{Was ist falsch
  daran, gefallen zu wollen und meinem Partner etwas Gutes zu tun?}
Und natürlich ist nichts falsch daran. Solange es dir selbst gefällt
und gut tut.

\storyhead{Konsens ist die Basis für Sex}

Konsens stellt Ehrlichkeit über Harmonie. Daher ist er der wichtigste
Gegenspieler zum Gefallenwollen. Konsens ist der wohl wichtigste Wert
für erfüllende Sexualität und so viel mehr als eine einfache Frage
nach Sex, auf die mit Ja oder Nein geantwortet werden kann.

Konsens ist eine Haltung, in der man zu sich selbst steht. Wer bin
ich? Was will ich? Wo sind meine Grenzen? Und natürlich ist es ein
Wechselspiel zwischen zwei Menschen, die sich zeigen, die sich
verletzlich machen, Initiative und Reaktion. Beide Seiten haben ihre
ganz eigenen Herausforderungen. Es kann verdammt schwer sein, einen
Wunsch rauszubringen. Und es gibt viele gute Gründe, warum das so
schwer ist. Genauso schwer kann es sein, Grenzen aufzuzeigen. Und
überhaupt: Woher sollen wir denn wissen, was wir wollen und was nicht?

Leichter wird Konsens mit jeder positiven Erfahrung dazu. In guter
Verbindung mit sich selbst. Beim Langsamgehen, um noch mal
hineinzufühlen, ob die Entscheidung, die gerade getroffen wurde, auch
richtig ist. Mit dem Verständnis durch das Gegenüber, dass ein Nein
nicht über den eigenen Wert entscheidet. In druckfreien
Umgebungen. Und wenn das Gegenüber noch mal nachfragt und auch auf
Körpersprache achtet.

Die Geschichten in diesem Teil des Buches erzählen von Konsens in
seiner Schwere und in seiner Leichtigkeit. Von Prozessen, gelungenen
Momenten und den Signalen, die immer da waren. In manchen Geschichten
geht es um sexualisierte Gewalt. Diese Geschichten sind mit einem
Stoppschild gekennzeichnet. Wenn du weißt, dass dir diese Themen
besonders nahegehen, überlege dir gut, ob gerade der richtige Moment
ist, sie zu lesen.
