\chleft{Die Kosten der Meuterei}

Die sexuelle Meuterei ist meist kein lauter Knall, auf den dann die
große Befreiung folgt. Es ist nicht eine dicke Kette, die wir sprengen
müssen. Da sind eher viele kleine Gummibänder, die uns in Form
halten. Bewegungen dagegen sind jederzeit möglich, wir haben ja einen
freien Willen, aber sie kosten Kraft. Und je mehr dieser Bänder uns
eingespannt halten, desto schwerer wird es. Manche sind ein innerer
Kampf, manche sind eng verwoben mit unserer Beziehungsperson. Aber
Gummibänder leiern aus, wenn man an ihnen zieht. Manche reißen und
unser Spielraum wächst.

Stell dir z. B. vor, du hast keinen Bock mehr, dir deine Beine zu
rasieren. Du lässt deine Haare wachsen. Erstmal ist es verdammt gut,
nicht mehr so viel Zeit im Bad zu verbringen. Aber deswegen magst du
deine Haare nicht unbedingt. Was wir hübsch finden, ist natürlich auch
Gewohnheit. Vielleicht vermisst du auch das glatte Gefühl. Aber na ja
… es ist ein warmer Tag und obwohl du dich noch nicht so ganz mit
deinen Haaren angefreundet hast, beschließt du, ein Kleid anzuziehen
und halt so rauszugehen. Und dann … fühlst du dich unwohl. Du spürst
Blicke auf dir, echte oder eingebildete. Ertappst dich dabei, darüber
nachzudenken, wie andere dich vielleicht bewerten. Und du kannst die
Sonne weniger genießen. Vielleicht ärgerst du dich auch noch über dich
selbst, dass du da nicht drüberstehen kannst.

Die Kosten für die Meuterei liegen manchmal im Außen, in unangenehmen
Reaktionen, wenn wir Erwartungen nicht erfüllen. Sie liegen aber auch
oft im Inneren. In unbequemen Dialogen, die wir mit uns selbst
führen. Manchmal schnippt das Gummiband dann zurück. Vielleicht
rasierst du dich am nächsten Tag wieder. Ja und?

Wer seine Komfortzone verlässt und Neues ausprobiert, fällt halt auch
mal hin. Und dann kann man aufstehen und überlegen, ob man mit oder
ohne rasierte Beine weiter meutern möchte.

\storyhead{Kompliz*innen}

So eine Meuterei kann schon mal verdammt anstrengend werden. Darum ist
es so wichtig, sich Kompliz*innen zu suchen. Um dich selbst daran zu
erinnern, wenn du in alte Muster verfällst, oder auch, um dich zu
ermutigen, für dich selbst einzustehen, wenn der eigene Aufstand für
Disharmonie sorgt.

Am besten ist es natürlich, wenn die Menschen, mit denen wir Sex
haben, unsere Kompliz*innen sind. Für diejenigen, die zu
Gefälligkeitssex neigen, ist es wahnsinnig wertvoll, ein Gegenüber zu
haben, das ab und zu nachfragt: \quote{Willst du das jetzt gerade
  wirklich?} \quote{Hast du vielleicht mehr Lust auf Rückenkraulen als
  auf Klitorisstimulation?} \quote{Es ist okay, wenn wir einfach
  kuscheln.} Und es ist verdammt tief im Sprachgebrauch, an dieser
Stelle ein \quote{nur} vor das Wort Kuscheln zu setzen. Wieso hat Sex
einen so hohen Wert, dass es andere sinnliche Berührungen irgendwie
abwertet?

Natürlich können auch unsere Freund*innen wunderbare Kompliz*innen
sein. Dieses Buch will auch eine Anstiftung sein, mehr dieser
Gespräche mit ihnen zu teilen und den Zuspruch zu erleben, dass sie
vermutlich schon mal ganz Ähnliches erlebt haben. Vielleicht sind da
Glaubenssätze wie: \quote{Das ist privat. Das kann ich doch nicht
  teilen.} Und klar wäre es unpassend, wenn du die Erektionsstörungen
deines Partners im Freundeskreis breittreten würdest. Aber dein
Schmerz, deine Erfahrungen, deine Unsicherheiten gehören dir und du
darfst sie auch anderen anvertrauen, die dir vielleicht Support geben
können, weil sie genau das Gleiche durchgemacht haben.

Wen wünscht du dir als Kompliz*innen für die sexuelle Meuterei?

\blank[5mm] \Zeilen{3}


\storyhead{Die \quote{Ja, aber}-Momente}

Manche Männer sind gefangen in ihren Mustern und haben verinnerlicht,
ein Anrecht auf weibliche Körper und die Befriedigung der eigenen
Bedürfnisse zu haben. Auch viele Frauen sind infiziert von diesen
Glaubenssätzen. Also, wie damit umgehen?

Die innere Arbeit, die mit der Veränderung solcher Glaubenssätze
verbunden ist, kann jede*r nur für sich selbst tun. Es braucht die
Motivation von innen heraus. Meutern heißt nicht, ihn zu verändern,
sondern sich selbst zu verändern. Dein Gegenüber muss sich automatisch
anpassen, wenn du nicht mehr mitspielst.

Du machst also all diese innere Aufräumarbeit. Du spürst, wie die
Gummibänder etwas nachgeben. Dann kommt dieser Moment, in dem du es
laut aussprichst. Du setzt eine Grenze. Du sagst: \quote{Du, das, was
  du gestern gemacht hast, hat sich nicht gut angefühlt.} Und statt
eines entspannten \quote{Okay, danke für die Info} kriegst du ein
fettes, sperriges \quote{Ja, aber} serviert. Das Gespräch nimmt eine
ganz andere Wendung und plötzlich geht es um ihn. Ein geschicktes
Manöver, um – oft eher unbewusst – vom eigentlichen Thema abzulenken:
von deiner Grenze. Statt über dein Bedürfnis zu reden, geht es
plötzlich um sein Ego, dein schlechtes Timing oder die Frage, ob du
einfach nur unnötig kompliziert bist.

Aber Obacht: Solche Reaktionen können in zwei Formen aufkommen. Als
reale Antwort von einer Beziehungsperson oder in unserem inneren
Dialog. Auch wenn du den verständnisvollsten Partner der Welt hast,
kann es ein Kraftakt sein, eine Grenze zu formulieren, wenn du sie
irgendwo tief im Inneren selbst für falsch hältst. Weil dir eingeredet
wurde, du wärst zu kompliziert mit deinen Bedürfnissen. Oder weil du
dich schämst, nicht bereits völlig frei und offen zu sein und alles
perfekt kommunizieren zu können. Innere Ansprüche an sich selbst sind
oft besonders hoch. Und sie sind teilweise geprägt von patriarchalen
Normen über Sex. Damit sind sie perfekte Gummibänder, um uns schön in
Position zu halten und eine Grenze nicht zu äußern. Gucken wir uns
doch mal ein paar typische \quote{Ja, aber}-Momente an, um sie zu
entlarven, im Inneren wie im Äußeren.

Einer der Klassiker ist die Frage: \quote{Wieso hast du das nicht
  gleich gesagt?}

Das ist beschämend. Statt dass dein Mut gewürdigt wird, wirst du für
dein Schweigen, das du endlich gebrochen hast, angeklagt. Das macht
dich zur \quote{Lügnerin} und ihn zum Opfer deiner
Unehrlichkeit. Deine Antwort auf dieses Manöver darf ganz schlicht
sein: \quote{Weil ich erst jetzt den Mut und die Worte dafür gefunden
  habe. Es ist wichtig, dass ich es jetzt sage.}

Eine andere Dynamik: Er hat es ja so schwer mit dir.

\quote{Da weiß ich ja gar nicht mehr, wie ich dich noch anfassen
  darf.} oder \quote{Du tust ja gerade so, als hätte ich dich zu was
  gezwungen!} Statt deine eigenen Grenzen wertzuschätzen, werden sie
hier als Bedrohung verstanden. Machen sie dein Gegenüber völlig
hilflos oder gar zu einem Vergewaltiger? Das ist ein schwerer Vorwurf,
und schnell ist man in der beschwichtigenden, tröstenden Rolle. Du
kannst ihn aber stattdessen dazu einladen, dich zu fragen, wenn er
sich unsicher ist, ob dir etwas gefällt. Schließlich geht es darum,
dass du nur noch Sex willst, den du auch wirklich willst – und das
sollte doch wirklich auch in seinem Sinne sein.

Man kann auch versuchen, unangenehme Situationen mit Humor zu
entschärfen.

Ein Spruch, innerlich wie äußerlich, kann ein Gespräch verändern und
die Spannung rausnehmen, macht es aber auch wenig produktiv. In
Diskussionen über Vergewaltigungsvorwürfe ist der Spruch \quote{Soll
  ich jetzt vor dem Sex erst ein Formular ausfüllen?} beliebt. Damit
werden wichtige Gespräche über Konsens ins Lächerliche gezogen und man
kann vermeiden, sich wirklich gedanklich damit
auseinanderzusetzen. Ziehe in so einem Fall eine klare Grenze,
z. B. indem du benennst, dass du das nicht witzig findest und du ein
sachliches Gespräch dazu willst.

Und dann kann noch die Angst, verlassen zu werden, instrumentalisiert
werden.

Emotionale Erpressung: \quote{Vielleicht passen wir dann einfach nicht
  zusammen.} \quote{Dann stimmt wohl einfach die Chemie zwischen uns
  nicht.} \quote{Sex ist halt mein Bedürfnis, dann muss ich gehen.}
Tief in uns verankert ist unser Bindungsstil: Haben wir gelernt, mit
unseren Gefühlen und Bedürfnissen liebenswert zu sein oder nur, wenn
wir uns anpassen? Natürlich hat jede*r das Recht, eine Beziehung zu
verlassen, aber das hier ist ein Manipulationsversuch, dich mit
Schuldgefühlen wieder in eine alte Rolle
zurückzudrängen. Arbeitsverweigerung und ein Ausruhen komplett auf
deine Kosten. Mit ihm ist alles okay, du bist das Problem. Du sollst
Sex liefern, egal ob es dir gefällt oder nicht. Das sollte vor allem
eins machen: wütend. Denn das ist ein Mindset, das stille sexuelle
Gewalt befürwortet. Ich finde, die beste Reaktion ist ein lautstarkes
\quote{Fick dich!}

Wenn man sich in \quote{Ja, aber}-Kreisläufen verstrickt, ist das ein
verdammt harter Punkt der Meuterei. Es wird ungemütlich in der
Beziehung, es kann zu Machtspielen kommen. Schlechte Laune,
emotionaler Rückzug, Gesprächsverweigerung, passiv-aggressives
Verhalten, auf die Klobrille pinkeln, Androhung von Untreue.
Bestrafungen für eine Frau, die ihre Grenzen formuliert, können
vielfältig sein. Du kannst in diesem Moment nur für dich selbst
sorgen, auf deine Grenzen bestehen und dir klarmachen, dass du
niemanden bei einer Veränderung unterstützen kannst, der das selbst
nicht möchte.

Aber – und das ist das Schöne – die Meuterei kann auch ganz andere
Wellen schlagen. Vielleicht war da eine nagende Unsicherheit bei
deinem Partner und jetzt gibt es endlich ein klärendes
Gespräch. Vielleicht hörst du: \quote{Wenn ich ehrlich bin, habe ich
gespürt, dass du nicht ganz bei der Sache warst.} Oder:
\quote{Danke, dass du mir das sagst}. Vielleicht kommt da auch die
Frage: \quote{Wie kann ich es dir leichter machen, sowas direkt zu
  sagen?}. Auch ein schlichtes \quote{Okay}, nachdem du eine Berührung
  abgelehnt hast, ist fabelhaft. Manchmal ist das Schönste der
  Meuterei einfach die Entspanntheit, die entsteht, wenn
  ein \quote{Nein} ohne Drama akzeptiert wird. Eine ganz neue
  Spielwiese.

Die Meuterei muss nicht immer schwer sein, aber sie ruckelt am Anfang
fast immer. Die nächsten Geschichten erzählen von diesem Ruckeln. Von
einem Prozess, vom Wachstum, aber auch vom Aushalten, wenn es mal
ungemütlich wird.
