\chleft{Spielwiese}

Wie sieht unsere Sexualität eigentlich aus, wenn wir uns nach und nach
von fremden Erwartungen trennen? Welche Pflanzen wollen wir auf
unserer Spielwiese kultivieren? Es geht darum, mutig zu sein, Dinge
auszuprobieren, für das rauszugehen, was uns Spaß macht. Diese
Meuterei will uns aber auch zu einem Zustand der Absichtslosigkeit
einladen: Spielen. Fühlen. Ehrlich sein – sich selbst und anderen
gegenüber. Können wir Berührungen wieder für sich genommen betrachten?
Ohne dass direkt eine Choreografie abgespult wird, die dazu da ist,
maximale Erregung zu erzeugen? Wenn da ganz viel Erregung ist, kann
das wunderbar sein. Auch wunderbar ist es, in einer tiefen Entspannung
zu sein. Sich aalend in dem Gefühl, dass, ganz egal wie unsere Körper
gerade aufeinander reagieren, alles okay ist. Wir meutern hier gegen
Leistungsansprüche an Sexualität.

Leistungsansprüche kommen mit ganz verschiedenen Gesichtern daher, und
manche kann man schnell mal damit verwechseln, ja ach so frei und
sexpositiv zu sein. Die Klassiker: der Druck, eine bestimmte Anzahl an
sexuellen Aktivitäten oder einen Orgasmus haben zu
müssen. Kreativitätsdruck: dass es schon exotisch sein sollte. Dass
dir etwas gefallen sollte, besonders wenn du es selber
vorschlägst. Feministisch und selbstbestimmt zu sein und Bedürfnisse
und Grenzen immer gut kommunizieren zu können. Und dann haben wir da
noch den Druck, uns selber keinen Druck mehr zu machen.

Sexuelle Unsicherheiten kommen mir manchmal vor wie ein Fass ohne
Boden. Als wären sie eine Seuche der Reflektierten. Je mehr man sich
damit beschäftigt, desto mehr zeigen sich auch neue Themen, andere
Perspektiven und Muster, die man noch nicht auf dem Schirm hatte. Alle
Menschen, die ich kennengelernt habe und die sich intensiv mit Sex
auseinandersetzen, haben ihre Themen, die hier und da
aufploppen. Deswegen finde ich es wichtig zu betonen, dass diese
Meuterei wohl nie abgeschlossen sein wird. Es geht nicht darum, super
befreiten, geilen, feministischen Sex zu haben – obwohl es sich
natürlich empfiehlt, den mitzunehmen, wenn es sich anbietet. Viel mehr
geht es darum, ab und zu die eigene Komfortzone zu verlassen und sie
zu erweitern.

\storyhead{Vom Gewolltwerden zum Wollen}

Wir dürfen spielen. Wir dürfen gar nichts wollen. Und wir dürfen
wollen. Natürlich dürfen wir auch wollen, gewollt zu werden.

Aber etwas zu wollen, kann sich ganz schön verletzlich
anfühlen. Rauszugehen mit einem Bedürfnis, nicht zu wissen, ob unser
Gegenüber das als spannend, als nervige Last, sexy, beängstigend oder
peinlich empfindet. Das gewollte Lustobjekt zu sein, kann daher auch
eine sehr angenehme Position sein. Schließlich wird es begehrt,
umsorgt, verführt. Etwas zu initiieren, hat Vor- und Nachteile. Es ist
wie bei einem Dinner-Date: Wenn ich das Restaurant aussuche, kann ich
dort essen, wo ich wirklich will. Aber wenn es dann nicht schmeckt –
mir selbst oder meinem Gegenüber –, fühle ich mich eventuell auch
etwas verantwortlicher, als wenn ich einfach mitgegangen wäre. Es
erfordert Planungsaufwand, die initiierende Person zu sein. Wenn ich
eingeladen werde auf ein Date, kann ich einfach nur mitgehen, alles
fließen lassen. Die Kontrolle abzugeben, kann wundervoll sein. Aber es
kann auch wundervoll sein, das Date zu gestalten, zu erleben, wie
unser Gegenüber sich freut, entspannen und genießen kann. Wir haben es
in der Hand, durch unsere Initiative einen ganz besonderen Moment zu
kreieren, und auch das kann sich verdammt gut anfühlen. Daher stellt
sich hier die Frage: Warum nicht beides? Zu wollen und gewollt zu
werden, ist doch im besten Fall ein Wechselspiel.

Wenn wir als Frau mehr sexuelle Bedürfnisse haben als der Mann, bringt
es das Schiff des Patriarchats zum Wanken. Die Frau, die wirklich viel
Sex will – das klingt zuerst nach einem feuchten Traum vieler Männer,
aber die Dynamik kippt auch schnell und verursacht dann viel
Ratlosigkeit. Das passt doch nicht ins System.

Ich habe bei mir selber festgestellt, dass ich sehr gut einschätzen
kann, ob mein Wunsch \quote{sicher} ist – also ob mein Gegenüber wohl
auch Lust darauf hat. Und nur dann, wenn mir ein \quote{Ja} sehr
wahrscheinlich erschien, dann habe ich auch gefragt. Perfekt
angepasstes Wünschen: nicht zu viel zu wollen, nur nach dem fragen,
was auch gerne gegeben wird, und schon gar nicht mein Gegenüber in die
ungemütliche Position bringen, \quote{Nein} sagen zu müssen.\\ Dieses
Muster habe ich erst relativ spät erkannt, und wenn ich riskante
Wünsche formuliere, fühlt sich das jedes Mal wie eine kleine
Revolution für mich an. Das war auch so, als ich ganz alleine mit
meinem Begehren dastand: Ich wollte den heißen Typen küssen und er
hatte Nein gesagt. Und ich fühlte mich gut. Es war nicht peinlich; es
war ein wunderbarer Sieg, hier einfach zu stehen mit meinem Wunsch,
der nicht erwidert wurde, den ich mir aber trotzdem erlaubt hatte.

Ich empfehle sehr die Übung, bewusst nach etwas zu fragen, bei dem uns
ein Nein mindestens genauso wahrscheinlich erscheint wie ein
Ja. Vielleicht kommt es aber auch gar nicht dazu, eine Nebenwirkung
dieser Übung kann also sein, plötzlich verdammt heiße Dinge zu tun –
genau wie du es willst, genau mit wem du willst.

\storyhead{Vom Bespieltwerden zum Spielen}

Als Frau sind wir es mehr gewohnt, bespielt zu werden. Unsere Körper
sind die Spielwiesen. Sie werden medial als begehrenswert inszeniert
und wir lernen, dass wir uns Berührungen hingeben dürfen. Sinnlichkeit
ist weiblich sozialisierten Personen oft viel zugänglicher. Was aber
Männer viel besser lernen als Frauen, ist es, den weiblichen Körper
zum eigenen Vergnügen anzufassen. Brüste und Hintern haben eine Art
magische Anziehungskraft auf Männer. Ihre Finger sind unglaublich
neugierig darauf, verschiedene Körperöffnungen zu
erforschen. Andersrum ist dieser Entdeckungsdrang oft nicht so stark
ausgeprägt: diese Lust zu spüren, wie sich der Körper des anderen
anfühlt. Ein guter Vergleich sind Tiere: Hier fühlen wir
geschlechterunabhängig oft eine starke Neugier, flauschiges Fell zu
spüren. Aber wie können wir genau dieses Verhalten auf Menschen
übertragen? Und so berühren, wie es gerade für uns selbst richtig ist,
ohne im vorauseilenden Gehorsam Berührungen so auszuführen, wie wir
vermuten, dass es gerade richtig ist für die andere Person? Wenn du
als Außerirdische diesen fremden Körper entdecken würdest, worauf
hättest du Lust? Konsensregeln sind dabei natürlich keine
Einbahnstraße.

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}
Die nächsten Geschichten wollen dich dazu einladen, auf deine
Spielwiese toben zu gehen (oder dich dort gemütlich zu
räkeln). Vielleicht inspirieren dich einige davon, etwas Neues
auszuprobieren; einige magst du vielleicht auch nicht – beides ist
völlig okay. Respektiere die Erzählungen in ihrer
Unterschiedlichkeit. In zwei Geschichten geht es auch um Kink, also um
Machtspiele – einmal mit einer dominanten Frau und einmal mit einem
Spiel, bei dem es um seine körperliche Überlegenheit geht. Sollten dir
solche Themen nahegehen, achte auf die Peitsche am Anfang der
Geschichte, vielleicht willst du sie überspringen.
